Insel der Schiffe
von Stephan Teuwissen
Im Mittelostmeer liegt gut verborgen eine kleine Insel mit vielen Namen, die niemand mehr kennt, was schade ist. Ein Verlust auch.
Auf dieser Insel wohnen lauter Schiffe; Schiffe, die müde sind oder verbraucht; Schiffe, die heimliche Lecks haben, denen ein Propeller fehlt, kielschwach sind oder gar nie seetüchtig waren, sogenannte Bauwracks. Einige wiederum ertragen schlicht keine Wellen mehr, erinnern an Dichter, die Silbentakt und Zeilensprung satt haben. «Ich bin fertig mit Strömungen und Sternzeichen, mit Wind und Wogen», sagen sie. Bedauern? Vielleicht auch, ja.
Die Schiffe schwärmen von dieser Insel: «Hier können wir das Meer Meer sein lassen und finden die Ruhe der Tiefen ohne Untergang.» Gewisse unter ihnen warten ohne Widerstand, fast erwartungsvoll, auf den alles zerfressenden Rost. «Der Bug lockert sich, trennt sich vom Mitteldeck und das Hinterdeck hängt unschön herab, was kaum schmerzt und erstaunlich entspannend ist.» Ein kolossaler Ozeandampfer aus einem vorigen Jahrhundert röhrt laut und tief: «Dass du dich hier gut verstecken kannst, rrhruääägh!, das hilft auch!»
Andere hingegen behaupten: «Ich laufe bald wieder aus, bald! Nächstes Jahr schon! Bestimmt! Allerspätestens im Jahr darauf. Schliesslich sind die Meere meine Bestimmung, die Wellen mein Bett! Nur – noch nicht gleich! Ich brauche vorerst Inselluft und Stillstand ohne Anker.» Vernehmen reifere Schiffe diese Rede, meinen sie leicht belustigt: «Schon so manches Schiff wollte sich nur einen Aufenthalt von einer Woche oder sieben gönnen und ist seit über siebzig Jahren immer noch bei uns. Das ist der Zauber dieser Insel, hier nimmt sich auch die Zeit Zeit.»
Einige Schiffe bleiben, obwohl sie ausgesprochen stark an Fernweh leiden. «Ich war lange der Meinung, dem Fernweh gibst du früher oder später nach. Der Gesang der Sirenen ruft dich, singt deinen Namen und irgendwann musst einfach gehen, dem Drang folgen ... Doch auf der Insel hab ich gelernt: Die Sirenen singen schon meinen Namen, nur ... sie rufen mich nicht! wohnt auch das Fernweh in mir, in einer Zwischenkajüte auf dem Vorderdeck oder im Trockenlager bei der Kombüse; deswegen brauche ich noch nicht die Segel zu setzen oder den Motor anzuwerfen! Fernweh ist ein Gast, kein Grund.» Doch dann seufzen sie leise, denn sagen lässt sich so etwas ja leicht. Und sie lauschen verwirrt fernen Gesängen. Manchmal singen sie auch selbst ...
Ein Fährenschiff, das sich vor Jahrzehnten aus einer See-Enge abgesetzt hat, fügt hinzu: «Wenn der Wind vom offenen Meer herüberweht und deinen Rumpf leise zittern lässt, dann reicht das doch schon! Also, mich beruhigt das und ich denke gleich an etwas anderes!» Die fernwehleidigen Schiffe halten das für Schönfärberei, gar für verlogen, widersprechen ihr jedoch nicht. «Schwester Fähre quittierte damals den Dienst – eine zwielichtige Angelegenheit – und wirft sich seither Fahnenflucht vor. Meistens sinniert sie stumm vor sich hin. Backbordseitig ist die Kleine komplett vermoost und überall blättert ihre Farbe ab. Sie sieht es als gerechte Strafe. Aber dann und wann will sie ein bisschen mitreden, eine Meinung abgeben, nur um auch dabei zu sein.»
Die ganz alten Schiffe, solche, die noch vollständig aus Holz gebaut wurden, lassen dazu ihre morschen Planken feucht knurren. Das klingt ausgesprochen derb, aber kümmern tut sie das nicht. Nicht mehr. Sie sind dabei, zu Stimmen aufzuweichen, die den eigenen Namen langsam vergessen. Dafür werden sie von den anderen bewundert und beneidet; «Nur ganz, ganz alte Schiffe sind namenlos frei. Werden auch wir das je schaffen? Kommt auch für uns eine zarte Zeit zwischen alt und kalt, zwischen Stille und Starre? Oder kentern wir bei klarem Horizont, ohne Sturm oder Klippen? Gestern erst ist ein Frachter in sich zusammengebrochen. Der Lademast hat kurz gewackelt und ist dann gekippt, hat das halbe Deck zerschlagen. Ohne Vorwarnung! Wer hätte das gedacht? Zwanzig Jahre! Ist doch kein Alter für ein Schiff ... Gibt schon auch zu denken ...»
Und nachts klopft der Regen sanft auf die Decksplanken und sie rücken näher zusammen, gestehen sich ein, dass ihre Steuerruder längst festgerostet sind. Zum Glück tuckert gegen Sonnenaufgang das eine oder andere Lotsenboot: «Ruhe ist kein Abbruch ...» und rülpst. Was die Stimmung aufheitert. Dann und wann senken – meist jüngere – Schiffe den Anker und heben ihn gleich darauf wieder. «Um die Übung nicht zu verlieren.» Sie versuchen dabei diskret und leise vorzugehen und scheitern natürlich grandios: Es ertönt ein Poltern, Rasseln und Krachen. Ankerwerfen schlägt eben auch Wellen. Dies ärgert die bejahrten Holzschiffe, welche gerne Monate am Stück vor sich hindösen. Modrig knurrend schrecken sie auf: «Ah, treibt das Jungvolk wieder Schabernack! Sollen sie doch aufs Meer und uns verschonen! Die Insel dürfte die mal streng massregeln! Wir sind schliesslich auch noch da!»
So schleift hier die Eile ihre Kanten ab und alles Dringliche verblasst zu einer fernen Legende, zu einem wichtigen Etwas, das es mal gegeben haben muss. Vielleicht auch nur ein Traum.
Die Insel selbst schweigt zu allem. Sie schätzt die Schiffe und hört ihnen gerne zu. Sie hat sich das nicht ausgesucht, ein Zufluchtsort zu sein, und vielleicht ist sie das auch nicht, doch wie es auch zu nennen ist, jetzt gefällt es ihr. Zuerst war da ein leeres Floss; das spülte an und machte es sich ohne Einladung bequem auf dem Strand. Dann kam das Beiboot eines Kriegsschiffes, eine Barke. Als das Kriegsschiff versenkt wurde, hat die Barke das Freie gesucht und diese Insel gefunden. Im Sommer darauf stiess eine verlassene und abgetakelte Fregatte dazu. Sie wohnen hier nun alle neben-, unter- und übereinander. «Auch wenn wir uns oft nicht verstehen, wir ertragen uns.» Zwei, drei Kleinschiffe haben sich sogar im Riesenbug des Ozeandampfers einquartiert, bezeichnen ihn keck als «Grosses Mutterschiff», was ihn kichern lässt und glücklich macht: «Die kleinen Frechen verstecken sich in mir, wie auch ich mich hier verstecke! Rhruäääh!»
Mit der Zeit hat sich das alles auf den sieben Meeren herumgesprochen und es sind mehr und mehr Schiffe erschienen. Nur selten fährt eines auch wieder fort.
Die Insel selbst dürfte vor sehr, sehr langer Zeit eine treibende Insel gewesen sein. So lautet wenigstens die Vermutung zweier Eisbrecher, die mit den Jahren verwachsen sind. Die Insel selbst hält sich diesbezüglich bedeckt. Sie verfügt über ein grosses Schweigen, das vieles offen lässt. Einfache Schiffe, Fischkutter mit Rosthaut, Küstenkähne, Ruderbötchen mit nur noch einem Ruder, sie erahnen zwischen den Sinn dieses Schweigens. Das Floss, das immer noch faul und bequem auf dem Strand liegt, hat es einmal auf den Punkt gebracht: Auch hier steht nichts für immer still.
«Insel der Schiffe» hat Stephan Teuwissen am Rande der Arbeit an seinem Stück «HAMLET TRÄUME» geschrieben. Eine Insel zieht Schiffe an, die auf dem Meer unterwegs sind. Die Schiffe landen hier aus unterschiedlichen Beweggründen. Sie erleben auf der Insel eine Befreiung ihrer ursprünglichen Bestimmung und Definition, eine Erosion ihrer Dringlichkeit. Einige entschliessen sich gar zu bleiben. Es ergeht den Schiffen wie den Figuren in «HAMLET TRÄUME», denen ein Bewusstsein ihrer jahrhundertealten Rollen innewohnt und die versuchen, diese tradierten Rollen abzulegen oder umzudeuten. Oder sich auch nur friedlich zu verabschieden.