Rede der Friedensgöttin Pax – gespielt von Anna Blumer
«Weil sich die sterblichen Menschen von mir abwenden, mich verstossen und niederschlagen, bleibt mir nichts anderes, als diese Klage. Ist es doch der Gipfel der Tollheit, sich selbst die vielen ausserordentlichen Segnungen, die ich, der Frieden, mit mir bringe, zu versagen und dafür den Krieg, ein so widerwärtiges, vielköpfiges Ungeheuer herbeizurufen, das tausendfältige Übel gebiert.
Wenn ich also wirklich jener Friede bin, die von Götter - und Menschenstimmen zugleich gepriesene Quelle, die Schöpferin, Ernährerin, die Beschützerin aller Güter, wenn ohne mich nichts gedeihlich, nichts sicher, nichts rein, nichts heilig ist: wenn im Gegensatz dazu der Krieg ein wahrer Ozean jeglichen Übels ist, wenn durch seine Schuld plötzlich das Blühende welkt, das Gefestigte wankt, das Wohlgegründete untergeht, wenn nichts für die Menschen tragischer ist als bereits ein einziger Krieg, dann frage ich: Wer mag das glauben, dass es Menschen sind, mag glauben, dass sie nur ein Fünkchen gesunden Verstand besitzen, die mich, die so Segensreiche, mit solchem Aufwand, solcher Beflissenheit, solcher Anstrengung, zu verjagen trachten und sich eine Unmenge von Plagen so teuer einzuhandeln suchen?
Die Natur brachte ein einziges Lebewesen hervor, das mit Vernunft begabt und für den göttlichen Geist empfänglich ist, sie erschuf ein Wesen, das zu Wohlwollen und Eintracht fähig ist. Allein dem Menschen ist die Sprache gegeben und die Gabe der Tränen - daher rührt es offenbar, dass man allgemein alles, was das gegenseitige Wohlwollen betrifft, «menschlich» nennt.
Den übrigen Lebewesen teilte die Natur eigene Waffen und Schutzvorrichtungen zu: einzig den Menschen erschuf sie wehrlos und gebrechlich und durch nichts anderes gesichert, als durch Bündnis und gegenseitige enge Beziehungen. Dazu kommen noch die Bande der Blutsverwandtschaft und die wunderbare Kraft der Liebe. Ohne dass es eines Zusatzes bedürfte, müsste der gemeinsame Name «Mensch» genügen, dass Menschen gut miteinander auskommen. Doch welche Rachegöttin hat diese unersättliche Kampfeswut in den Herzen der Menschen eingepflanzt? Lassen wir im Gedächtnis die Ereignisse der letzten Jahre vorüberziehen: Wo in aller Welt ist nicht aufs grausamste zu Wasser und zu Lande gekämpft worden? Welcher Landstrich wurde nicht mit Blut getränkt? Welcher Fluss, welches Meer wurde nicht mit Menschenblut gefärbt?
Es ist beschämend daran zu denken, aus welch schändlichen und läppischen Gründen die Fürsten die Welt zum bewaffneten Krieg aufstacheln. Was aber der Gipfel der Schurkerei ist: es gibt Regenten, die, wenn sie merken, dass ihre Macht durch die Eintracht des Volkes erschüttert wird, mit despotischen Winkelzügen insgeheim Leute anstellen, die absichtlich einen Krieg anzetteln sollen, um so zugleich die im Frieden Vereinten zu entzweien!
Und mit welchen Waffen, o unsterblicher Gott, rüstet der Zorn die waffenlos geborenen Menschen aus! Gewissenlose Söldner, für ein paar Geldstücke zum Schlachten und Morden gedungen. O jämmerliches Los der Krieger!
Der Krieg belohnt den Brudermord. Du hast grosse Lust auf Krieg? Zuerst erwäge, von welcher Art der Friede ist, von welcher Art der Krieg, was jener an Gutem, was dieser an Bösem mit sich bringt, und dann berechne, ob es sich lohnt, den Frieden mit dem Krieg zu vertauschen. Bedenke, kaum ein Friede ist je so ungerecht, dass er nicht dem gerechtesten Krieg vorzuziehen wäre. Wenn du einmal die Ruinen der Städte gesehen hast, die niedergerissenen Dörfer, die ausgebrannten Kirchen, die verödeten Felder, und diesen bejammernswerten Anblick in seiner ungeschminkten Wirklichkeit erfasst hast, so bedenke, dass dies die Frucht des Krieges ist. Wenn du es für etwas Bedrückendes hältst, ein verbrecherisches Pack gedungener Söldner in dein Land zu führen, sie zum Schaden deiner Bürger zu ernähren, ihnen zu Willen zu sein, so bedenke, dass dies die Bestimmung des Krieges ist. Wenn du Raubzüge verabscheust: Eben diese lehrt der Krieg. Wenn du Mord verfluchst: Eben diesen erlernt man im Krieg. Denn wie sollte einer noch Hemmungen haben, in Erregung einen einzigen Menschen umzubringen, der für ein mickriges Handgeld gedungen, so viele Menschen absticht? Wenn die Missachtung der Gesetze die offenkundigste Verderbnis des Gemeinwesens bedeutet, so wisse: «unter Waffen schweigen die Gesetze.» Wenn du Vergewaltigung und Blutschande für scheusslich hältst, so wisse: der Krieg ist der Lehrmeister all dieser Teufeleien. Im Krieg haben die ärgsten Verbrecher das Sagen, die, die man im Frieden an den Galgen brächte, spielen in Kriegen selbstverständlich die Hauptrolle. Wer nämlich wird die Truppen sicherer auf Schleichpfaden führen als ein geschulter Räuber? Wer wird denn schneidiger Häuser und Kirchen plündern als ein Einbrecher und Kirchenschänder? Wer wird beherzter den Feind erschlagen und ihm seine lebenswichtigen Teile mit dem Schwert durchbohren als ein Mörder? Wer ist ebenso gut geeignet, Feuerbrände gegen Städte zu schleudern, wie ein Brandstifter?
Dazu rechne, was nach der Schlacht geschieht. Du hast durch Menschenblut befleckte Untertanen.»
Nach «Die Klage des Friedens» von Erasmus von Rotterdam, 1517.
