Über das Stück, ein Gespräch mit Max Merker und Aaron Hitz
Michael Max und Aaron, ihr sucht nach den Ähnlichkeiten von Vladimir und Estragon, den Hauptfiguren aus «Warten auf Godot», mit Stan Laurel und Oliver Hardy. Was habt ihr gefunden?
Aaron: Es gibt offensichtliche Äusserlichkeiten: Die Melonenhüte, die abgewetzten Anzüge, das klassische Outfit des Tramps, des modernen Landstreichers. Darüber hinaus lassen sich aber bei Beckett Clowns-Nummern finden, die auch in den Filmen von Stan und Ollie vorkommen. Und auch die Dialoge gleichen sich manchmal sehr.
Max: Clowns stehen oft fast verloren auf der Bühne, ohne vorgegebene Situation, ohne Handlung. Sie sind mitten in eine Situation geworfen, die sie nicht verstehen. Genauso geht es Vladimir und Estragon in «Warten auf Godot». Stan und Ollie wiederum scheinen in ihren Geschichten auch immer nur sich selbst zu kennen und niemanden sonst.
Ihr entwickelt das Stück und spielt es gleichzeitig. Beckett hat «Warten auf Godot» auch selbst inszeniert. Wie hat er das gemacht?
Aaron: Er hat seinen Schauspielern gesagt: «For God‘s sake don’t act!» Auf Deutsch: «Um Himmels willen, spielt nicht!» Nur in der Nüchternheit vermittelt sich seine Komik. Das haben wir auf den Proben immer wieder gemerkt.
Max: Becketts Sprache ist stark auf Muster aufgebaut: Reduktion, Wiederholungen, Präzision. Rhythmus war ihm sehr wichtig. Indem er Handlung, Ort und Zeit auf ein Minimum verringerte, öffnete er ganz neue Möglichkeiten für die Sprache. Die Psychologie der Figuren tritt hingegen in den Hintergrund. Auch Clowns zeigen selten eine ausdifferenzierte Psychologie. Ihr Reich ist die Situation. Daran haben wir uns orientiert.
Obwohl Beckett mit den Mitteln der Komödie arbeitet, hat er auf eine ihrer Zutaten verzichtet: die fliegende Torte. Stan und Ollie hingegen sind verantwortlich für eine der grössten Tortenschlachten der Filmgeschichte. Weder Vladimir noch Estragon bekom-men eine Torte ins Gesicht geworfen – Stan und Ollie hunderte. Und ihr?
Max: Wir haben nach Wegen gesucht, den Humor mit unseren Mitteln zu erreichen, ohne das Tortenwerfen einfach nachzumachen. Wir haben gemerkt, dass es auch lustig ist, wenn die Torte nicht fliegt, sondern einfach zwei Leute herumstehen, Sahnetorten in der Hand halten und den Moment verpassen, diese dem anderen ins Gesicht zu klatschen.
Aaron: Komik braucht exaktes Timing. Zu früh ist manchmal zu spät und zu spät zu früh. Beckett hat sogar mit einem Metronom geprobt.
Max: Auch bei Stan und Ollie stimmte das Timing nicht immer. Ollie starb vor Stan. Das Duo wurde auseinandergerissen. Das hinderte Stan nicht daran, weiterhin Sketches für Stan und Ollie zu schreiben. Auch wenn sie nie mehr gespielt werden konnten. Manche Dinge im Leben kann man eben nicht allein erledigen.
Aaron: Ein Witz zum Beispiel braucht einen Zuhörer. Übrigens, kennst du den: Ein Ire, ein Engländer und ein Amerikaner gehen ins Kino…
Max: Ja, den kenn ich.
Ist «Warten auf Beckett» denn nun Komödie oder Tragödie?
Max: Die Komik im Tragischen und die Tragik im Komischen ergänzen einander wunderbar. Die Komik in Becketts Stücken ist nicht auf den ersten Blick erkennbar. Wir sehen eher ein apokalyptisches Bild. Die Menschen warten auf das Ende. Aber das, was sie bis zum Ende machen, ist unfreiwillig komisch.
Aaron: Beckett fand «Warten auf Godot» übrigens sehr lustig. Im Probetagebuch seines Regieassistenten steht, dass er sich während den Durchläufen gekrümmt hat vor Lachen.

Max Merker
Inszenierung und Schauspiel

Aaron Hitz
Musik und Schauspiel