Porter Freizeit. In ihrer Freizeit, die grenzenlos war, strolchten die älteren Porter natürlich durch Port, wo sie wohnten und lebten. Auch hier war es nicht ungefährlich, wenn man an die Brandgefahren dachte, aber es gab den Kanal vor der Haustür, immer floss Wasser vorüber. Sie fassten den Kanal als einen langen Löschteich auf, der ruhig trieb und schimmerte. Sie fühlten sich sicher, solang sie ihn sahen. Zu hören war er ja nicht. Ehe sie das Haus verliessen, knipsten sie den Kühlschrank aus, kehrten um und schlossen die Fenster gegen den Blitz. Dicke Decken lagen bereit, um im Fall des Falles erste Flammen zu ersticken. Dächer ganz aus Holz ragten in den Himmel, es war ein Leben in Angst. Aber sie lebten am Wasser. Äschen schossen dahin, Enten brüteten still. Sumpfdotterblumen sprossen im Garten. Schimmel bedeckte den Zaun. Immer floss Wasser vorüber. Der Himmel war blau, die Sonne schien scharf. Bretter und Balken knisterten trocken. Der Juni begann, es war windstill und heiss. Weil sie die Scheiben als Brenngläser sahen, zogen sie hastig die Vorhänge zu. So war es dunkel und kühl in den Häusern. Ausserhalb flirrte die Luft. Bienen und Schwalben atmeten auf. Aber die Porter schnürten den Rucksack, schneuzten sich noch und zogen los. Es war ein blendend schöner Tag, sie schwitzten und rangen nach Luft. Behutsam stiegen sie in unsichtbare Zillen, sie achteten aufs Gleichgewicht und stellten sich hinein. Sie griffen zu den federleichten Stangen, stiessen sich ab und waren auf Anhieb im Takt. So rückten sie aus; wieder und wieder knieten sie nieder und ruderten trocken mit ihren Armen, immer das Wasser vor Augen. Es schwappte satt und floss dahin. Schliesslich liessen sie es sein. Sie kamen heim und sahen fern, tranken Eistee oder Korn und wuschen sich mit letzter Kraft. Sie lagen im Bett und schauten den Mond an. Er wirkte so kühl. So schliefen sie ein und malten sich im Schlaf ein langes Leben hinter Wasserfällen aus. Wenn sie erwachten, erschraken sie furchtbar, Morgenrot loderte rings um das Haus. Sie rannten und stürzten die Treppe hinab und hinaus an den kühlen Kanal und riefen in heller Verzweiflung um Hilfe. Doch es brannte ja nicht; sie standen alt und unversehrt mitten in der frischen Luft. Von einer lauen Brise getroffen, erschraken sie wieder, schrecklich erleichtert. Immer floss Wasser vorüber. Sie waren selber ein eigener Strom, der folgsam durch die Häuser ging. Ein grünes Band begleitete sie, der schmale Algenteppich.

Sand. Immer flog der Sand, ein stetes Flirren, Flugsand, der in weiten Wirbeln kreiste. Lautlos flog er, und die Stille, die er schuf, versenkte allmählich die Stadt. Es...begann, wo und wohin man ging, mit einem schwachen Glitzern, ja, es glitzerte, man schaute auf, ging weiter, wieder glitzerte, und stärker Schritt für Schritt, die Luft. Es glitzerte die Luft in Biel auf Schritt und Tritt auf einmal, stand man still, sah man, dass wie ein Filter, den man himmelhoch, so weit das Auge reichte, aufgezogen, eingestellt, die Luft andauernd zitterte, ja. Gleisste jetzt, zu Mittag, und im Sommer, der da herrschte, als die Sonne umso stärker auf die Stadt herniederfuhr. Als wäre...Flitter aufgeworfen worden, der nun unablässig federleicht und messerscharf zugleich auf alles und auf jeden unfehlbar herniederging, und stünde man im Mittagslicht an einem strahlendhellen heissen Sommertag, der einstach, war zugleich wie zarter Schneefall sacht. Kam man sich vor wie: aus der Luft gezuckert, während weiterhin der Sand: daherflog, stet, und anfiel. Ja. Geblendet schloss man...die Augen. Der Sand...war der springende Punkt: der da beständig zerstob. Streckte man die Hand aus, landete ein Film drauf, Schimmer, der sich sammelte, Silber, Puder, überall. Daher die Hand, nach einer Weile, und, sah ich zu Boden, meine Schuhe glitzerten ganz wie in Glas...getaucht. Blies man ihn an, stieg eine Wolke funkelnd auf, davon: leichthin hinweg. Man wunderte...sich anfangs noch, hielt anfangs noch den Staub fürs Echo trauter Abrissbirnen: Mörtelschatten; laufend wurden Häuser grad geschliffen, neu erbaut; für Glasstaub aus der Baustelle. Das Kieswerk war ja stillgelegt, soweit man wusste. Ja. Von daher rührte nichts als Ruhe. Oder war es Pollenflug, so stark, dass man auf einmal leichte Mäntel trug...daraus, und hartnäckig niesten die einen, die andern reichten verlässlich das Schneuztuch. Karin Strub, die jahrelang unermüdlich gleichmütig als eingefleischte Fremdenführerin durch ihre stillen Gassen ging und, was da stand, erläuterte, durfte sich in diesen Tagen über grosses Trinkgeld freuen, reichlich floss es, gruppenweise, von Japanern, die sich für...den Duft bedankten, der ja in der Luft lag: von Jasmin, fand ein Japaner. Meine Stadt will Sie verwöhnen, sagte Karin. Sie schnupperten wieder, und sie kamen sich dabei wie alte Freunde vor, beim Tee. Zum Abschied umarmten sie Karin. Zügig stiegen sie ein, im Reisebus schüttelten sie dann lächelnd den Staub aus den Kleidern, das künstliche Leder verschmutzten sie, fühlten sich schuldig, aber sie schwiegen, gemeinsam. Grablichter löschte er aus, dieser Sand, denn er fiel wie ein Feuerwehrtuch, das wuchs und unter sich erstickte, was nach Luft rang, kam und stieg, und fiel und fiel, haltlos, schwebte, leicht wie Daunen, emsig durch die Brisen, die vom See aus auf die Hitze in der Stadt zu sich andauernd wälzten. Während man in Biel noch ging und staunte und sich dachte, es werde gesprengt, in der Nähe, ein Abhang, am Berg, und werde...sich legen, nahm mit den Tagen der Sand aber zu, unaufhörlich, unentwegt. Wie seltsam, dass er sich, obwohl er doch so zart war, dass im allgemeinen Flirren man sich leicht verirrte, nicht verflüchtigte. Wie weit gefehlt, er fiel und fiel, und blieb. Schlamm stand in den Brunnen, Springbrunnen erstarrten unter einer Haut aus Dreck. Pulverfein drang er auch in die Keller ein, verdarb den alten Staub, der wertvoll war, auf preisgekrönten Flaschen, und die Wäsche, die zum Trocknen hing. Wie im feinen Nieselregen lebte man, von Tag zu Tag, und frischbestäubt auf Schritt und Tritt wie...voller Mehl die Brote vor dem Backen, unterm Sandflug, unterm Fall. Man wurde ja begraben. Was zu tun war, wurde getan. Strassenfeger rückten aus und kehrten, was das Zeug hielt. Aber sie verzagten, weil sie mit dem Besen bloss die Wirbel stärkten...in der heissen Luft; so ging man dazu über, die Strassen und den Gehsteig zu besprühen, um den Sand, dingfest gemacht, rasch zu häufen und auf und davon...ihn zu karren. Aber der entsorgte Schlamm stieg trocken auf und flog, vor allem in der Nacht, die windstill war, wenn alles schlief, als nütze er die Stille aus. Die Strassen waren reglos und am Morgen wüst. Die Sandkisten erübrigten sich. Ganze Strassen lagen im Sand. Aber die Kinder spielten im Haus, wundgescheuert vom sandigen Wind, der so sanftmütig stürmte, dass sie an eine Krankheit dachten, die sie da befallen habe. Keuchhusten und Herzschmerz nahmen zu. Fliegen, Mücken und Hornissen putzten unentwegt die Flügel. Vögel flogen fort. Man wähnte sich in Biel als: der Achse des Himmels, man schraube ihn auf, dachte man, wie man so denkt. Man wurde hingegen zum Taucher, man ging durch den immer dunkleren Tag und zu Boden, bedrückt. Und Blumen, ausgedörrt, lagen längst darnieder. Ja. Man…wollte sich daran gewöhnen, ans Gestöber, den dichteren Luftraum: Alles geht vorüber, auch der Sand, sagte man laut. Chöre sangen fromme Lieder. Langsam stapfte man hindurch, wandelnder Widerstand. Man war von aussen her buchstäblich schwerfällig geworden. Die Langsamkeit war auferlegt, man konnte dran verzweifeln. Man hätte grad so gut auch in Venedig sein und dort das Meer aus den Kanälen pumpen wollen oder gähnen, um den Sand persönlich einzuladen. Ja. Hier war das Meer aus Sand gebaut. Man erstickte schleichend dran: ein unscheinbarer Einfall, der nicht nachliess, wochenlang. Wüstenblumen blühten auf. Forscher standen an der Waage, dann dem Bunsenbrenner. Was sie fanden, war zwar nichts als gewöhnlicher Quarz. Angesichts der Leichtigkeit, mit der er aber flog, könne man von Schwebstoff…sprechen, merkten sie einhellig an. An den Kleidern wetzte der Wind und schuppte wie riesige Karpfen die Bieler. Sie blieben drum lieber daheim und hüllten sich in ihre Winterkleidung ein, doch vor Hitze schrieen sie und stöhnten. Letzte Lagerfeuer, die am Sand vergingen, schürte die Jugend…nun mit Benzin. Stichflammen schlugen zurück. Man bewarf sie mit Sand. Ganze Gebäude versandeten rasch. Wer sich verstecken wollte, war ein gemachter Mann. Man legte Diesbgut hin, es war alsbald verborgen. So gab man auch die Leichen auf. Streusand war gewonnen, der Winter konnte kommen. Erde drang auf Erde ein. Das Geriesel verdunkelte stündlich sich selbst. Der Sommer holte endlich nach, in Form von Sand, so schien es einem Witwer, was an Schneefall heuer leider ausgeblieben war. Es handelte sich um Raphael Moser, der an diesem Winter litt: ein greiser Schuldirektor, dem die Frau gestorben war. Nun war sie zwar begraben, aber wie. Sie lag, das heisst, ihr toter Körper, in der tonnenschweren Erde, und darüber blieb es kahl. Es schneite nicht. Kein Flöcklein fiel. Für Immergrün, Wacholder oder erste Primeln fehlte ihrem Mann das Geld, längst hatte er ja alles verspielt. Den Rest, eine Sammlung einmaliger Räder, Rennräder, die er verscherbelt hätte, hatte ihm sein Sohn vor Jahren abgeluchst. Er war enttäuscht von diesen Eltern, blieb drum dem Begräbnis fern und nachher auch dem Grab. Der Vater war ob seiner Spielsucht aus dem Schuldienst jäh entlassen worden, und die Mutter hielt noch immer tief verblendet an ihm fest. Also lag da nichts, rein gar nichts, nichts und wieder nichts auf ihrem kleinen Grab, es schnürte dem Alten die Kehle zusammen, das Herz tat ihm weh, und etliche Tränen stürzten zur Erde, und sie versickerten prompt. Wäre doch ein Hauch von Moos daraus gesprossen. Aber es blieb bei der mageren Erde, ein verhungertes Grab. Nun war er froh über den Sand, der spät den Schnee ersetzte und dem Grab die Haube gab zum Trost. Dort stand Herr Moser still, weil doch ein jeder rascher Schritt den Sand aufscheuchen konnte, der wie Warmluft dann, und fort vom Grab, auf in die Höhe ging als schwerer Hauch.

