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Digitales Programmheft

HAMLET TRÄUME

von Stephan Teuwissen
Uraufführung

Inhalt

«Hamlet» bei Shakespeare 

Nach dem Tod seines Vaters kehrt Hamlet an den dänischen Hof zurück. Seine Mutter Gertrude hat inzwischen den Bruder des verstorbenen Königs, Klaudius, geheiratet, der selbst den Thron bestiegen hat.

Der Geist seines Vaters enthüllt Hamlet, dass Klaudius ihn ermordet hat. Hamlet schwört Rache und gibt vor, wahnsinnig zu sein, um den Mörder zu beobachten und seinen eigenen Plan zu verfolgen.

Seine Zweifel an Wahrheit und Vergeltung machen Hamlet zunehmend zu einer verwirrten und verwirrenden Figur. Auch Ophelia treibt er von sich. In einem Streit mit seiner Mutter ersticht Hamlet versehentlich den Hofdiener Polonius. Das Trauerspiel nimmt immer düstere Züge an. Ophelia verliert den Verstand und bringt sich um. Im grossen Durcheinander sterben fast alle einen gewaltsamen Tod. Zurück bleibt ein zerrütteter Hof. 

Shakespeares «Hamlet» verhandelt Verrat, Macht, Schuld und Rache – und Menschen, die durch zerdrückende Ansprüche und Muster in Geiselhaft geraten.

HAMLET TRÄUME von Stephan Teuwissen

Der Text von Stephan Teuwissen spielt mit den kulturellen und sozialen Traditionen, die den Mythos «Hamlet» über die Jahrhunderte ermöglicht und immer weitergeschrieben, teilweise festgeschrieben haben. Das Stück ist ein Traumspiel, das sich liebevoll und mit Respekt von diesem Mythos zu verabschieden versucht. Gelingt es, sich von Hamlet zu verabschieden, sich von ihm zu befreien? Oder ist Hamlet über die Zeit untrennbar und existenziell mit unserer Tradition und unserem Rollenverständnis verbunden? Gibt es eine Versöhnung in der Trennung?

Angeführt wird das Figurenkabinett des Stückes von einem wachträumenden «Alleleut». Neben und in ihm treten auf: Hamlet, Ophelia, das Königspaar Gertrude und Klaudius, sowie der Ratsherr Polonius. In der Inszenierung durchdringen sich diese Figuren gegenseitig. Sie ergänzen sich, überlagern sich, kommen sich in die Quere und reichern einander an. Es klingen verschiedene Stimmen, aber alle stammen aus diesem gleichen «Alleleut-Chor».

Weitere Informationen

Dauer: ca. 90 Minuten ohne Pause
Altersempfehlung: 14+

Live-Einführung und Nachgespräch: Informationen hier.

ANRUFUNG

Träume, schreibt mich um und um,
mir ist’s recht, wenn schief und krumm.
Entschreibt mich, bis ich wieder lese,
wer ich war, als ich zart und kleiner war,
bevor ich mich verschrieben hab.
Legt weisse Buchstaben über die alten,
lockert meine Silben zu Flocken,
und löscht, was zur Bedeutung wurde
mich formte bis zur Kenntlichkeit.
Zertrümmert, Träume, meine Wachsamkeit,
meinen gerühmten Scharfrichterblick,
macht mich wieder weich und fliessend,
bis nur noch Nachglut von mir strahlt.

S. Teuwissen

Besetzung

Besetzung

Inszenierung Mélanie Huber
Bühnenbild und Kostüme Lena Hiebel
Lichtgestaltung Michael Nobs
Dramaturgie Patric Bachmann
Regieassistenz und Inspizienz Yael Stricker
Regiehospitanz Regina Cotteli
Vemittlung Elena von Graffenried

Mit Fabian Müller

Technik

Technik

Technischer Direktor Günter Gruber

Leitung Ausstattung und Werkstätten Vazul Matusz
Schreinerei Steven McIntosh | Raphael Schärer
Malsaal Daniel Eymann (Leitung) | Julian Scherrer
Dekorationsabteilung Ursula Gutzwiller | Clarina Naef
Requisiten Céline Anderegg | Boris von der Burg
Maske Schauspiel Barbara Grundmann-Roth (Leitung)

Leitung Schneiderei Steffi Rehberg
Schneiderei Catherine Blumer | Natalie Zürcher (Gewandmeisterinnen Damen) | Janine Bürdel | Sarah Stock (Gewandmeisterinnen Herren) | Christine Wassmer (Admin. Stellvertreterin) | Katrin Humbert | Dominique Zwygart
Ankleiderin Anja Wille

Technischer Leiter Adrian Schubert
Bühnenmeister Biel Samuele D'Amico
Bühnenmeister Solothurn Rémy Zenger
Technische Einrichtung Peter Wiesmeier
Ton Alex Wittwer

und das Technik-Team TOBS!

Leitung Beleuchtungsstatisterie Ulrich Troesch

Die Ausstattung wurde in den eigenen Werkstätten hergestellt.

Traumspiel

Bei einem Traumspiel ist die Handlung nicht realistisch und logisch, sondern ähnlich wie ein Traum aufgebaut. Orte und Handlung können sich plötzlich und unerklärlich verändern, und Figuren wirken ausfransend, offen und wunderbar versponnen. Auch die Zeit verschiebt sich ständig: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehen ineinander über und verschmelzen miteinander.

Häufig verschwimmen scheinbar unverrückbare Grenzen, geradlinige Geschichten lösen sich auf und machen Platz für überraschende Wendungen, Bilder und Stimmungen. Dadurch rücken vor allem Gefühle, Wünsche und innere Konflikte in den Vordergrund.

Doch auch Witz, Schalk und Leichtigkeit erwachen in diesen Traumspielnächten. So entsteht eine eigene Theaterwelt, die nicht immer alles erklärt, sondern dazu einlädt, sich auf Spiel und Verspieltheit einzulassen.

Staunen

Auf einer Probe zu HAMLET TRÄUME erzählt mir Patric Bachmann von der Provenzalischen Figur des «Ravi», also des «Entzückten, Verzückten». Der Ravi ist ein «Staunender Narr», einer, der über das, was er sieht, nur staunen kann, und weder wichtig noch mächtig ist. Diese Figur muss nichts leisten, nichts erklären, nichts kontrollieren. Sie darf einfach ergriffen sein. 

Mich entzückt diese Ravi-Figur sehr, sie ist in der Tat die Seite Hamlets, die Ophelia in ihrem Brief gegen Ende des Stückes anspricht. 

Die Figur des Staunens ist die des Kindes, das noch lernen kann und will. Staunen heisst: ganz und voll erfasst zu werden von dem, was ich nicht kenne — ohne dass Schrecken mich verkrampfen lässt. «Ich staune» heisst: Etwas ist mir zu gross, überwältigt mich — und das ist keine schlechte Sache! Ich kann die Überforderung annehmen, ohne Verlegenheit, darf zugeben, nicht zu wissen, was Sache ist oder wer ich darin bin. Ich muss nicht sofort verstehen, erklären, einordnen — geschweige denn beherrschen.

Hamlet dagegen ist ein unersättlicher Sprücheklopfer, er ertränkt alles um sich herum in Witzen, Sticheleien und Kalauer. Er schwimmt, weil er sich fürchtet, unterzugehen, und schlägt um sich, statt sich retten zu lassen. Wo das Staunen ihn schutzlos machen würde, macht er sich wortreich unangreifbar, bleibt heillos überlegen.

Ophelia liebt aber genau den Hamlet, der unter all den Sprüchen kurz aufhört, sich zu schützen. «Ich bin überfordert» heisst nicht: «Ich bin nichts».

Vielleicht ist das das Glück des Kindes: Nichtwissen und Überwältigung bilden noch keine Niederlage. Ein Kind kann staunen, kann etwas nicht verstehen, ohne sich deshalb selbst abzuwerten. Damals erlaubten wir es uns, überwältigt zu sein, ohne daran zu zerbrechen. Staunen hiess einst: Die Welt, die Andern, sogar ich selbst – das alles darf mich treffen, mich überfordern, mich sprachlos machen. Ich bleibe da, auch wenn ich staune.

S. Teuwissen

«Hamlet, ich lieb’ dich. Ich sag’s. Und du – schweigst, staunst – ... Ich lieb’ dich. Ich seh dich, wie du staunst und dich sträubst. Wenn du staunst, wird dir schlecht von dir. Denn staunen macht schutzlos, wehrlos frei.»

Ophelia

3 Fragen an Regisseurin Mélanie Huber

«HAMLET TRÄUME» bezeichnen wir auch als Traumspiel, warum? 
In «HAMLET TRÄUME» geht es um jene schlaflosen Stunden, wo die Zeit still zu stehen scheint und Ängste und Wünsche der Gegenwart aufschwappen und Gespenster wiedergängern; um dieses Gefühl, wenn mich eine Sorge, ein Fehlgriff, eine Erinnerung oder ein unschöner Gesprächsfetzen einholen und nicht loslassen. Das ist dann rasch unheimlich und aufreibend. Und oft frage ich mich: Geht es nicht mehr weiter? Erstarre ich jetzt? Bin ich nun plötzlich mir selber überlassen?

Auch die Figuren des Stücks arbeiten sich zur nächtlichen Stunde an ihren Geschichten ab, sie aufs Neue durchlebend in der Hoffnung, Geschehenes ungeschehen zu machen und umzuschreiben… Da ist König Klaudius, der den begangenen Mord panisch, wieder und wieder, schlaflos durchlebt oder Ratsherr Polonius, der sich nur nachts und heimlich zu schluchzen getraut.

Aber da blitzen auch stille, poetische Momente auf, wo plötzlich alles durchsichtig wird und uns eine befreiende Klarheit befällt. Es gibt Stunden, in denen Ophelia sich offen ihre Liebe zu Hamlet gesteht, ihn mit all seinen Fehlern und Eigenheiten beschreiben kann oder Hamlet, der sich wieder an einen Wortfetzen seiner Mutter Gertrude aus der Kindheit erinnert …

Worauf kommt es dir bei der Erarbeitung der Inszenierung an? 
Ich lasse zu, dass die Unsicherheit und gar Orientierungslosigkeit, die ich verspüre, wenn sich Neues, Unbekanntes anbahnt, wenn ich sicheres Terrain verlasse, in die Regie einfliessen kann. Ich brauche das als Massstab, will dieses Schwanken auf der Bühne nicht leugnen oder wegglätten. Wie bin ich, wer bin ich, wenn endgültiger oder hoffnungsloser Abschied bevorsteht? Wenn ich mich verliere oder merke: «So, jetzt stehst du aber so was von neben dir!»

Diese Uraufführung baut auf Gefühlen und Befindlichkeiten auf, die mich beschäftigen, jenseits von Zynismus. Und wehe, wenn mich die überstarken Gefühle überrollen! Aber – vor allem! – auch: wie gut es sein kann, wenn mich das dann tatsächlich einfängt und zu etwas Neuem bewegt.

Der alte Hamletstoff ist brutal, das Hadern und Zugrunde-Gehen der einzelnen Figuren erschreckt manchmal. Doch dieses Stück von Stephan Teuwissen schafft es, neue, versöhnliche Töne einzuflechten. Da gibt es nicht nur den grausamen Witz, sondern auch eine leichte, zärtliche Komik.

Ich verstehe Hamlets Rastlosigkeit, seine unbändige Lust am Ausloten von Grenzen. Ich kenne – und fürchte! – das Gefühl, um das Wort «Liebe» herumzukreisen, aufgeregt und gleichzeitig oft so unfähig, es auszusprechen.

Ich beneide Gertrude um ihre Nonchalance, erschrecke dann aber darüber, wie gut ich mich in ihr erkenne, wenn sie mit Tunnelblick ihre Ziele verfolgt. Und – ungerne – erahne ich langsam, wovon Polonius, Clownmagister und Alleinunterhalter, spricht, wenn er mahnt: «Hüten Sie sich vor der Zeit …»

Zum Glück begegnen wir hier auch Ophelia, die mir oft aus der Seele spricht und eine grossartige Direktheit und Offenheit an den Tag legt. Sie ist in diesem Stück kein Opferlamm. Sie bringt Hoffnung und Ausblick. Und das ist wohl die Essenz: Sie legt mir nahe, auch Versöhnlichkeit anzustreben – gegenüber dem, was war, und offen zu bleiben für das, was noch kommt.

Liebe und das Unvermögen zu lieben, Abschied und Loslassen sind grosse Themen, gewiss. Aber sich daran abzuarbeiten, tut nicht nur weh, sondern auch gut.

Natürlich konnten Fabian und ich diesen emotionalen Text nicht erarbeiten und dabei kühl und sachlich bleiben. Auf den Proben wurden gelegentlich auch ganz persönliche Erlebnisse, Erinnerungen ausgetauscht, und wir sind in die heftigen Stimmungen des Stückes eingetaucht. So konnte ein gegenseitiges Vertrauen entstehen, das das Stück von uns abverlangt. Diese Nähe ist in die Szenen hoffentlich eingeflossen. Humor kam dabei nicht zu kurz, wir haben als siebenköpfiges Team oft gelacht, manchmal weil uns die Emotionalität zu intensiv wurde ...

Was ist die Herausforderung an diesem Monolog?
Grundsätzlich ist bei jedem Monolog die Einsamkeit des Spielenden vorprogrammiert. Eine Person muss alles alleine stemmen, sowohl in der Probe als auch in der Pause, da sind keine Mitspielenden da, mit denen man interagieren kann, oder auch mal über die Regie lästern (lacht) … Die ganze Aufmerksamkeit und Spannung alleine zu tragen, verlangt schon einen psychischen und physischen Kraftakt.

Bei diesem Monolog gibt es allerdings noch andere Herausforderungen: Dieser Text ist ein Mosaik, keine einfache, geradlinige Geschichte. Die Szenen kommen teilweise wie freistehende Vignetten daher, bilden ein Bouquet. Fabian muss zudem mehrere Rollen (teilweise gleichzeitig!) spielen. Dies ist kein Stück, das wir «bauen» können, sondern wir müssen uns von ihm «finden» lassen. In den Proben bedeutet das, Zusammenhänge nicht zu früh festzulegen und auszuhalten, dass wir manches zunächst noch nicht verstehen oder auch nicht bis im letzten Detail verstehen müssen. Das braucht Nerven und grosses, gegenseitiges Vertrauen. Der Weg gleicht für mich als Regieführende daher eher einer Entdeckungsreise als einer Choreographie. Das ist intensiv, aber auch abenteuerlich und inspirierend.

Unterstützung

Wir danken unseren Sponsoren & Partnern für Ihre Unterstützung.

Elisabeth Bachtler Stiftung 

Trägerschaft

Trägerschaft

Stadt Biel

Stadt Solothurn (mit Unterstützung von Kanton und Gemeinden der Repla Solothurn)

Kanton Bern

Gemeindeverband Kulturförderung Biel/Bienne-Seeland-Berner Jura

Impressum

Impressum

Herausgeber:
Theater Orchester Biel Solothurn TOBS!
www.tobs.ch
Saison 2026/27
Programm Nr. 1

Intendant: Dieter Kaegi
Schauspieldirektion: Olivier Keller | Patric Bachmann
Redaktion: Patric Bachmann
Layout: Aline Boder

Gestaltung: Republica AG
Fotos: T+T Fotografie, Toni Suter
Fotoauswahl: TOBS!
September 2026

Textnachweise:
«Insel der Schiffe» und «Staunen» sind zwei Originalbeiträge von Stephan Teuwissen für das digitale Programmheft.

Urheberrechte: Inhaber*innen von Urheberrechten, die vor Drucklegung nicht erreicht werden konnten, werden gebeten sich zu melden.

Fotografieren, Filmen sowie Tonaufnahmen sind während der Vorstellung aus urheberrechtlichen Gründen nicht gestattet.

Die Veranstaltungsplakate können an der Theaterkasse erworben werden.

Wir freuen uns über Ihre Rückmeldung zur Inszenierung: direktion[at]tobs.ch