Handlung
Die Nacht bricht herein. Fünf Frauen lösen sich aus der Dunkelheit, verflechten die Erzählungen ihrer Leben, geprägt von Exil, Trauer, Leid, der Notwendigkeit des Erinnerns, kommen zusammen mit dem Impuls des Auflehnens. Ein Strom von Klagen in der anhaltenden Präsenz einer einzigen Nacht. Sie beklagen den Tod, die Ferne, den Krieg, die vielfältigen Gesichter des Verlusts: Naturkatastrophen, Umweltzerstörung, das Verschwinden von Sprachen, das Verbot von Kulturen.
In einer kollektiven Geste der Schwesternschaft antworten diese Stimmen einander, stützen sich gegenseitig und verwandeln das geteilte Wort in einen Akt des Widerstands. Aus der Trauer entsteht Handlungsfähigkeit, genährt von einem uralten Zorn, der nicht aus Hass geboren ist, sondern aus Klarheit und Verweigerung.
Die Frauen tragen kostbare Geschichten in sich, halten sie nah am Herzen, zusammen mit all dem Leid, das sie bergen. Es ist ein Schmerz, der den Körper durchdringt, aber nicht lähmt. Durch die Trauer rufen sie eine Zukunft herauf, die geprägt ist von Verständnis und Stärke.
Wir können Frieden schliessen. Wir können eine Welt neu aufbauen, im Bewusstsein dessen, was sie nicht mehr sein darf, und getragen von der Hoffnung auf das, was sie werden kann.
In einem besonderen Dialog verweben sich barocke Werke, traditionelle Gesänge aus Kurdistan und Anatolien sowie elektronische Musik. Der Gesang bewegt sich zwischen barockem Affekt und der eindringlichen Ausdruckskraft überlieferter Gesangstraditionen. Das Orchester verbindet sich dabei mit elektronischen Schichten und wird in einzigartige Klangtexturen erweitert.
Im Dunkeln verbindet uns ein Echo mit den Nächten jener, die wir waren, die vor uns waren und deren Stimmen noch immer widerhallen. Tanzen in der Ewigkeit der Nacht. Ein Zugehen auf den anbrechenden Tag. Wer wird nach uns singen?
Julia Deit-Ferrand / Raphael Jacobs
Weitere Informationen
Dauer: ca. 1 Stunde 30 Minuten ohne Pause
Altersempfehlung: 12+

Besetzung
Besetzung
Konzeption und künstlerische Koordination Julia Deit-Ferrand
Musikalische Leitung Gabriella Teychenné
Nachdirigat Riccardo Fiscato
Inszenierung Raphael Jacobs | Emily Hehl
Bühnenbild Raphael Jacobs
Kostüme Esther-Helin Bienroth
Lichtgestaltung Samuele D’Amico
Electronic Music | Sound Design Marie Delprat | Janiv Oron
Arrangements und musikalisches Zusatzmaterial
Gabriella Teychenné
Dramaturgie Julia Deit-Ferrand | Emily Hehl | Raphael Jacobs |
Meike Lieser
Regieassistenz und lnspizienz Larissa Copetti-Campi | Damien Liger
Korrepetition Riccardo Fiscato | Fernando Dos Santos Loura
Die Stimmen in der Nacht:
Sopran Serenad Uyar
Mezzosopran Julia Deit-Ferrand
Gesang und Saz Eylül Nazlîer
Sopran Marlene Chevalley-Knoepfler | Iris Keller
Live-Elektronik Marie Delprat
Orchester Sinfonieorchester Biel Solothurn TOBS!
Technik
Technik
Technischer Direktor Günter Gruber
Leitung Ausstattung und Werkstätten Vazul Matusz
Leitung Schneiderei Gabriele Gröbel
Technischer Leiter Adrian Schubert
Schreinerei Simon Kleinwechter | Steven McIntosh | Raphael Schärer
Malsaal Daniel Eymann (Leitung) | Julian Scherrer
Dekorationsabteilung Ursula Gutzwiller (Leitung)
Maske und Frisuren Oper Sandra Widmer (Leitung) |
Miriam Krähenbühl
Requisiten Line Wickart (Einrichtung und Vorstellungen) |
Simon Kleinwechter (Vorstellungen), Sara Fichera, Arno Jäger
Kostümabteilung Christine Wassmer (Admin. Stellvertreterin) | Catherine Blumer | Natalie Zürcher (Gewandmeisterinnen Damen) | Janine Bürdel | Sarah Stock | (Gewandmeisterinnen Herren) |
Katrin Humbert | Dominique Zwygart (Schneiderinnen)
Ankleiderinnen Lara Studer | Museng Fischer | Pascale Berlincourt | Verena Graber
Bühnenmeister Biel Samuele D'Amico
Bühnenmeister Solothurn Rémy Zenger
Technische Einrichtung Pia Marmier
Ton und Video Matthias Daprà
und das Technik-Team TOBS!
Leitung Beleuchtungsstatisterie Michèle Péquegnat
Übersetzungen Übertitel:
Kurmandschi-Französisch Latcheen Maslamani
Türkisch-Französisch Ali Sarı
Alle anderen Übersetzungen Raphael Jacobs (deutsch),
Julia Deit-Ferrand (französisch)
Einrichtung Übertitel Raphael Jacobs
Übertitelinspizienz Valentina Lisa Bättig, Ruben Monteiro Pedro, Stephan Ruch
Die Ausstattung wurde in den eigenen Werkstätten hergestellt.
1 – Marlene Chevalley Knoepfler, Julia Deit-Ferrand, Marie Delprat, Eylül Nazlîer, Serenad Uyar
2 – Julia Deit-Ferrand, Eylül Nazlîer
3 – Serenad Uyar, Eylül Nazlîer, Iris Keller
4 – Julia Deit-Ferrand, Marlene Chevalley Knoepfler, Marie Delprat, Eylül Nazlîer, Serenad Uyar
5 – Iris Keller, Julia Deit-Ferrand, Serenad Uyar
© Joel Schweizer
«Ein gemeinsames Klagelied»
Julia Deit-Ferrand und Raphael Jacobs über «Laissez durer la nuit»
Wie kam dieses Projekt zustande?
Julia: Seine Entstehung reicht drei Jahre zurück. Am Ende meines Studiums erhielt ich den «Prix Fritz Bach» der Haute École de Musique in Lausanne. Er ermöglichte mir die Realisierung einer Performance namens «Laissez durer la nuit». Diese erste Version verband bereits barocke und elektronische Musik sowie traditionelle Gesänge. Marie Delprat, die auch in unserer aktuellen Produktion mitwirkt, hat übrigens bereits damals die elektronische Musik gemacht.
Dieter Kaegi entdeckte im Internet ein Video dieser Performance und schlug mir vor, daraus ein Musiktheaterstück zu entwickeln. Die grosse Neuerung bestand darin, das Orchester einzubinden und eine Inszenierung zu schaffen, die dem Ganzen den Charakter einer Oper gibt. Wir haben dann intensiv am dramaturgischen und musikalischen Konzept gearbeitet: Raphael und ich, Emily Hehl, unsere Dirigentin Gabriella Teychenné und Eylül Nazlîer, die auf der Bühne singt und performt, aber auch eigene Stücke schreibt. Gemeinsam haben wir ein Werk aus barockem Gesang, türkischer und kurdischer Musik geschaffen, wobei letztere im Stück eine wichtige Rolle spielt.
Raphael: Wir haben auch einige grosse Abschnitte entwickelt, in die wir das Ganze unterteilen: Kapitel wie den Einbruch der Nacht, Einsamkeit, Tod, Lamento, Gemeinschaft, Widerstand... Diese haben wir gemeinsam ausgewählt, haben diskutiert, wie alles ablaufen könnte, auch mithilfe von visuellen Inspirationen.
Julia: Und dann stellte sich die Frage: Wie wird das zu einer Inszenierung?
Raphael: Und wie erzählen wir das als Oper? Es ist gleichzeitig performativ und real, voller Bilder, die Emotionen transportieren und die in echten Momenten kristallisieren. In dieser Reise durch die Nacht geht es um die verschiedenen Farben der Trauer, eines brennenden Gefühls in allen Formen, extremes Alleinsein.
Diese Motive sind sehr stark sowohl in der kurdischen als auch in der Barockmusik. In beiden wird das Gefühl von Trauer auf jeweils eigene Weise mit grosser Tiefe ausgeleuchtet. Diesem Schmerz und der Verzweiflung muss zunächst einmal Raum geben werden. Gleichzeitig darf mensch aber nicht ganz darin stecken bleiben, nicht versinken, sondern muss sich auch dem Wandel, einer Weiterentwicklung stellen, sie durchwirken. Wir wollten, dass die betroffenen Frauen in der Nacht einmal ihre eigenen Stimmen entwickeln können, aber eben auch als Gemeinschaft eine Stimme suchen.
Wir gehen bei jeder Figur von einem ganz unterschiedlichen Ausgangspunkt aus und fragen, wie Menschen als Gesellschaft, als Gemeinschaft zusammenfinden können. Welche Werte, welche Ideen, welche manchmal extremen Veränderungen es braucht, welche Erfahrungen alle miteinander teilen. Alle teilen ein Ausgeliefertsein an die Trauer, an den Schmerz, alle teilen die Erfahrung erschütternden Verlustes.
Sie treffen sich genau in diesen Punkten und können feststellen, hey, wir sind nicht allein. Das gibt neue Energie, Mut, mit sich selbst umzugehen, gut zueinander zu sein, diese tiefen Emotionen zu verarbeiten und mit sich zu tragen, ohne sie zu verleugnen.
Julia: Eine gemeinsame Basis fand sich schnell zwischen der barocken Musik und dem Dengbêj, der von Eylül praktizierten Gesangsform: das Lamento. Das ist ein Klagelied, und hier drückt es den Verlust eines geliebten Menschen aus, das Leid um das Exil und um das Land, das man verlassen hat.
Von dieser gemeinsamen Suche nach einem Klagelied sind wir ausgegangen. Es sind individuelle Klagen, die widerhallen und die sich allmählich vereinen, um in einem Prozess des Widerstands zu münden.
Raphael: Es geht aber nicht nur um die Verbindung von Musikstilen, sondern wir verbinden mit der ausgewählten Volksmusik auch Sprachen einer Region, die stark von Konflikten geprägt ist. Türkisch und Kurmandschi, insbesondere aber auch Zazaki, auf derselben Bühne zu haben, ist nicht selbstverständlich.
Julia: Kurmandschi und Zazaki sind zwei kurdische Dialekte, die in unserem Stück vorkommen. Sie sind sehr verschieden. Aber während Kurmandschi noch relativ verbreitet ist, ist Zazaki vom Aussterben bedroht und deshalb als immaterielles Kulturerbe von der UNESCO geschützt. Es ist auch Eylüls Sprache. Mit dem Aufbau der türkischen Nation wurde es den Kurd*innen verboten, kurdisch zu sprechen. So haben diese Gesänge eine grosse Bedeutung als Träger des kollektiven Gedächtnisses.
Raphael: In diesem Zusammenhang kann mensch sagen, dass Medien, besonders Audioaufnahmen, natürlich super hilfreich sind, um Tradition zu dokumentieren und zu erhalten. Das ändert aber auch die Notwendigkeit der mündlichen Weitergabe, die ursprünglich die Essenz dieser immateriellen Kultur ist. Eylül setzt sich sehr dafür ein, klassische Gesänge aufzuzeichnen und zu sammeln, aber auch sie zu lernen und live zu performen.
Den Texten kommt eine besonders grosse Bedeutung zu...
Raphael: Ja, und das gilt für alle Stile. Das ist ganz anders als beim Standard-Repertoire mit einem festen Libretto und festgelegter Musik. Julia und ich haben uns intensiv damit beschäftigt, alle Texte der Stücke genau zu übersetzen, denn sie haben enorm viel Bedeutung für unsere szenische Arbeit und für die Personenführung auf der Bühne.
Es geht darum zu verstehen, wie in einer matriarchalisch geprägten Gemeinschaft, die wir auf der Bühne finden, alte barocke Texte neu gelesen und ins Heute übersetzt werden können. Gleichzeitig bieten die Gesänge mit Eylül eine Bereicherung auch durch die hinzugefügten Texte: Das alte Lamento verbindet sich mit Zeugnissen von Sängerinnen und mit dem Dengbêj-Repertoire. Die Barockmusik dreht sich um Gefühle wie Liebe oder den Verlust des Friedens. Doch wir fügen auch eine Perspektive auf Natur, Katastrophen, Umwelt hinzu. Mit Eylül haben wir das grosse Glück, dass sie sehr flexibel mit Texten umgeht, kleine Geschichten einfliessen lässt, insbesondere Liedtexte von Frauen aus der Dengbêj-Tradition. Dadurch verändert sie das musikalische Material, das sonst vielleicht unangetastet interpretiert wird.
Die Texte möchten wir also insgesamt stärker in den Fokus rücken, denn sie gehören zur Seele des Stücks. Besonders, weil wir hier mit der Übersetzung wirklich unseren Blick-winkel zeigen können. Wenn wir die Dinge neu betrachten, betrachten wir auch die barocke Poesie in genau diesem Zusammenhang neu, mit unserem inklusiven Blick und unserem Verständnis des Zusammenlebens, wir schauen durch unsere Protagonistinnen und mit ihnen, um letztendlich zu spekulieren, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen. Dafür ist es wichtig, Musik und Text jeweils als eigene Sprache zu begreifen und die Erfahrung als das Ergebnis eines multidimensionalen Moments, das mehr ist als die Summe seiner Teile.
Julia: Die Arbeit an den Texten für die Übertitel war übrigens ein langer Prozess. Wir wollten dafür eine gemeinsame Sprache finden, so unterschiedlich die Originalsprachen der Stücke auch sind. Es sollte eine zeitgemässe Sprache sein, in sich stimmig und inklusiv.
Die Texte adäquat zu übersetzen ist natürlich eine grosse Herausforderung.
Raphael: Ja, denn gerade im Dengbêj gibt es so viele verschiedene Facetten in der Bildsprache und im Stil, eben auch viele kulturelle Metaphern, die für Aussenstehende nicht direkt greifbar sind, aber eine grosse poetische Kontemplation für das Publikum bedeuten können. Durch diese Metaphern wird auch deutlich, dass die Gesänge über sehr, sehr lange Zeit weitergegeben wurden und quasi als Geschichtsschreibung genutzt werden.
Julia: Es gibt Themen, die immer wiederkehren, etwa der Bezug auf den Schmerz oder auch auf die Mutter. Der Seufzer «O meine Mutter, o meine Mutter» wird zum Beispiel sehr oft wiederholt.
Woher kommt der Stücktitel «Laissez durer la nuit»?
Julia: Das war der Titel meiner Performance in Lausanne, und wir haben entschieden, ihn zu übernehmen. Es gibt ein gleichnamiges Lied des Barockkomponisten Sébastien Le Camus, das auch in unserem Stück vorkommt.
Raphael: «Laissez durer la nuit» drückt das Ganze so gut aus. Du willst trotz allem, dass die Nacht bleibt, denn sie ist nicht nur ein zu Ende gegangener Tag, sie ist auch eine bedrückende Dunkelheit in unserer Gedankenwelt, und wir haben uns in diesem miteinander geteilten Trauergefühl getroffen, verbunden, gegenseitig erkannt. Selbst wenn du dich nach der Überwindung des Schmerzes und der Einsamkeit dem Zusammenhalt einer sich formenden wachsenden Gemeinschaft aus tiefster Erleichterung und Freude hingibst, dann brennen alle durch das Verbundensein, die Schwesternschaft. Dieses Gefühl willst du bewahren. «Lasst unsere gemeinsame Geschichte andauern».

Julia Deit-Ferrand
Konzept & Gesang

Raphael Jacobs
Inszenierung & Bühnenbild


Laissez durer la nuit - Auf den Punkt gebracht
«Drei musikalische Ebenen»
Gabriella Teychenné, Eylül Nazlîer und Marie Delprat über «Laissez durer la nuit»
Wie ist die Zusammenarbeit zwischen den drei musikalischen Welten entstanden?
Gabriella: Die Idee war am Anfang noch sehr allgemein, was die musikalische Seite betraf: Barocke, elektronische und traditionelle Volksmusik sollten miteinander kombiniert werden für ein Musiktheaterstück rund um das Thema «Nacht». Was die barocke Seite betrifft, hatten wir jede Menge Ausgangsmaterial, aus dem wir auswählen konnten. Bei einem Treffen haben wir uns alle zusammen, also auch Julia und das Regieteam, durch einen riesigen Berg an Musik gearbeitet. Über ein paar Tage hinweg haben wir entschieden, welche Stücke am besten passen würden. Besonders schön ist dabei, dass es sich um eine Neuproduktion handelt, bei der die theatralische und dramatische Seite eng mit der Musik verknüpft ist.
Eylül: Von mir kommen die Beiträge zur kurdischen Musik. Ich singe und spiele das Saz, eine traditionelle Langhalslaute, die unter anderem in der kurdischen und türkischen Musik verbreitet ist. Und ich spiele dabei auch eine Rolle auf der Bühne. Als wir anfingen, war alles für mich Neuland: Ich hatte noch nie bei einer Oper mitgearbeitet, es ist eine ganz andere Art Musik zu machen und zu singen. Aber ich habe mich schnell daran gewöhnt, bin in die Geschichte hineingekommen und habe meine Lieder gefunden. Für mich war von Anfang an wichtig: Es ist eine Mischung aus West und Ost. Du und ich, wir kommen zusammen, und es entsteht ein neuer Raum für neue Energie.
Gabriella: Und ohne zu viel verraten zu wollen: Als erstes Stück des Abends ist auch ein Schweizer Volkslied dabei. Wir wollten damit die westliche Volksmusik mit der kurdischen und türkischen verbinden, auch wenn die Stile sehr unterschiedlich sind.
Marie: Auch meine Arbeit ist multifunktional: Es geht um Komposition und Live-Electronic, also die elektronische Musik live zu spielen, und genau wie Eylül bin auch ich neben den Opernsängerinnen auf der Bühne als eine «Stimme in der Nacht».
Vor ein paar Monaten habe ich die Partituren der Barockstücke erhalten, und nun ging es darum, die Einsätze der elektronischen Musik festzulegen. Improvisieren kann man dabei nicht, weil die andere Musik ja auch nicht improvisiert ist. Das muss also alles genau vorbereitet sein. Es gibt jeweils ganz präzise Cues, also Einsätze, die mit Gabriella abgestimmt sind.
Was für Musik habt ihr letztlich ausgewählt?
Gabriella: Die Stücke wurden nicht nur nach musikalischen Kriterien ausgewählt, sondern auch im Hinblick darauf, wie sie dramaturgisch in den Gesamtkontext der Produktion passen. Ich habe darauf geachtet, eine gute Mischung zu bekommen aus verschiedenen Stilen und Nationalitäten, verschiedenen Tempi und Stimmungen. Wir haben bekannte Komponisten wie Antonio Vivaldi, Georg Friedrich Händel oder Henry Purcell, aber auch Hildegard von Bingen oder die italienische Komponistin Barbara Strozzi. Sogar ein Stück aus dem 20. Jahrhundert ist dabei, ein Teil der «Trauermusik» von Paul Hindemith, der hörbar von Barockmusik fasziniert war. All diese Musik ist so wunderschön, dass sie für sich selbst spricht, egal ob sie einen religiösen oder opernhaften Ursprung hat.
Eylül: Meine Musik besteht aus traditionellen Dengbêj-Liedern und eigenen Kompositionen. Die Dengbêj sind sehr wichtig für die kurdische Kultur, denn es gibt bei uns keine Geschichtsschreibung, sondern die Geschichte wird durch diese Lieder weitergegeben. Es gibt für alle Situationen Dengbêj-Lieder: über die Liebe, über den Krieg, über alles. Und natürlich über die Nacht und vieles, was dazu passt. Ich habe auch ein Lied speziell für diese Produktion geschrieben.
Gabriella: Der nächste Schritt nach der Auswahl der Stücke waren dann die Arrangements. Mir wurde eine feste Instrumentierung vorgegeben, so dass es recht viele Arrangements brauchte, denn das Orchester sollte auch Holzbläser enthalten. Die meisten der Barockstücke sind aber original für Streicher mit Continuo geschrieben. Ich wollte die Holzbläser so einbinden, dass sie nicht einfach nur die Streicherstimmen verdoppeln, sondern dass es eine echte Orchestrierung ist. So habe ich also nicht nur Holzbläser hinzugefügt, sondern die Musik teilweise neu arrangiert und umgeschrieben. Ansonsten haben wir auch noch eine vollständige Continuo-Gruppe mit Orgel und Laute, das gibt einen sehr authentischen barocken Klang. Dazu kommt dann die Elektronik als weiteres Instrument, ebenso wie Eylüls Saz.
Marie: Ich habe in mehreren Sessions mit Janiv Oron die Samples vorbereitet, die im Stück zum Einsatz kommen. Er hat diese grossen, sehr spezifischen Synthesizer, die man nicht einfach ins Theater mitnehmen kann, weil sie zu schwer sind. Wir haben verschiedene Samples aufgenommen, die ich auf meinen Computer überspielt habe und nach Bedarf einsetzen kann, einzeln oder übereinander, im Loop oder wie es gebraucht wird.
Wie habt ihr das alles miteinander koordiniert?
Gabriella: Es war vor allem wichtig, dass das Ganze nicht in separate Blöcke zerfällt. Barock, Elektronik, Volksmusik sollten ineinander übergehen und ein einziges zusammenhängendes Werk bilden. Es sollte als musikalisches Ganzes funktionieren und nicht zu einem Konzert mit einzelnen Nummern werden. Also habe ich Übergänge komponiert, die den Fluss zwischen den Stücken ermöglichen. Das war sehr spannend, weil ich dabei auch moderne Elemente einfliessen lassen konnte. Die Übergänge sind eher zeitgenössisch gehalten und nicht streng barock. Oft nutzen wir dafür aber auch die Elektronik, zum Beispiel beim Wechsel von der Volksmusik zu den Barockstücken.
Marie: In der elektronischen Musik beschäftigt man sich normalerweise nicht so viel mit Musiktheorie. Aber hier antworte ich auf geschriebene, komponierte Musik, daher muss die elektronische Musik ebenfalls komponiert sein. Sie bezieht sich auf die Tonarten im Umfeld: die Tonart, in die wir gehen oder die Tonart, aus der wir kommen. Das sind oft kleine Transitionen von einer Minute oder etwas mehr, es sind Miniaturen. Aber darüber hinaus gibt es auch etliche gemeinsame Partien mit dem Orchester. Ich setze bei den Proben ein Mikrofon in die Orgel, das mir das Signal der Orgel schickt. Darauf kann ich dann später Effekte legen. Ebenso mache ich es mit dem Saz, und ich arbeite auch mit Julias Stimme.
Eylül: Bei mir war es so, dass ich mich erst einmal in den Klang des Stückes einarbeiten musste. Am Anfang habe ich mich ganz auf meine eigene Musik konzentriert. Aber wir haben uns immer besser aufeinander eingespielt, und nach etwa einer Woche fing ich an, beim Saz-Spielen immer mehr auf die anderen zu hören, auf die elektronische Musik und auf den Gesang. So habe ich nach und nach auch meine Spielweise verändert, weil eine andere Energie zu mir kam von der Elektronik und von den Barockklängen.
Gabriella: Eylül und Marie haben beide ihren jeweils sehr eigenen Stil. Wir haben einige grundlegende Elemente miteinander besprochen, zum Beispiel, wie lang ein Stück oder eine Passage sein soll, oder in welcher Tonart es stehen soll. Ansonsten habe ich beiden viel Freiraum bei der Gestaltung gelassen und sehe mich selbst als diejenige, die das alles zusammenhält.
Dieses Zusammenwirken scheint gut zu funktionieren…
Gabriella: Ja, es funktioniert prima, auch schon rein technisch. Barockmusik ist sehr mathematisch und rhythmisch, und das sind Volksmusik und elektronische Musik eben-falls. Diese bleiben oft in ein und derselben Tonart und haben einen klaren Aufbau.
Eylül: Aber auch unsere Geschichten sind gar nicht so unterschiedlich. Die Gefühle sind dieselben. Du bist eine Frau, in der Nacht, allein, du spürst diese einsamen Momente, und plötzlich tut die Einsamkeit weh. Aber dann kommen wir zusammen und es spielt keine Rolle mehr, welche Religion du hast oder welche Sprache du sprichst. Wir kommen zusammen und bauen gemeinsam eine neue Welt, in der wir unsere Lieder singen und gemeinsam etwas erschaffen. Ohne Krieg und ohne uns gegenseitig zu bekämpfen.
Unser Stück stellt Frauen in den Mittelpunkt, ein grosser Teil der Barockmusik stammt aber von Männern. Das gilt vermutlich für die Volksmusik auch?
Eylül: Ganz so ist es nicht. Die Musik stammt ungefähr zu gleichen Teilen von Männern und Frauen. Es war in der ganzen Geschichte und überall auf der Welt so, dass auch Frauen viel geschaffen haben, sie haben gesungen, geschrieben, und Männer haben das oft versteckt oder unterdrückt. Doch selbst wenn ein Lied von einem Mann geschrieben wurde, bekommt es ja meine Kraft und meine Persönlichkeit, sobald ich es als Frau singe. Ich stehe gleichberechtigt da. Das ist in Ordnung für mich, weil es eine Geschichte dazu gibt. Und inzwischen haben wir viele starke Frauen, die Lieder aus der Vergangenheit singen, Lieder von heute und hoffentlich dann auch von morgen. Wir versuchen, die Mentalität zu ändern.
Gabriella: Die drei musikalischen Ebenen sind manchmal ganz besonders eng miteinander verwoben. An einer zentralen Stelle erklingt ein mehrstimmiges Lamento, das vom Orchester begleitet wird, aber zwischen den einzelnen Passagen singt Eylül jeweils ein eigenes Lied, und die elektronische Musik liegt die ganze Zeit darunter. So kommen alle Elemente zusammen. Ansonsten finde ich es aber auch ganz grossartig, dass alle so unabhängig arbeiten können.
Marie: Für mich ist das Ganze auch ein wenig eine Rückkehr zu den Wurzeln, denn ich habe selbst Barockmusik studiert, bevor ich mich der elektronischen Musik zugewandt habe.
Eylül: Ich komme aus der kurdischen Tradition und habe mein Publikum, aber das hört normalerweise keine Oper. Umgekehrt hört das Opern-Publikum nicht so viel traditionelle Musik. Wir bringen sie zusammen, um zu sagen: «Schaut her, hört zu, das hier gibt es auch.» Denn Musik ist universell.

Gabriella Teychenné
Musikalische Leitung

Eylül Nazlîer
Gesang & Saz

Marie Delprat
Live-Elektronik


Laissez durer la nuit - Trailer
Barockmusik und mehr
Barockmusik und mehr
Spätestens mit dem Aufkommen der historisch informierten Aufführungspraxis im 20. Jahrhundert wurde die Barockoper wiederentdeckt. Seither sind auch Werke von Monteverdi oder Händel, Vivaldi oder Rameau auf die Theaterspielpläne zurückgekehrt.
Die Gründe sind vielfältig: Die Musik ist meist eingängig und hat einen klaren Aufbau, bietet zugleich aber ein ganzes Kaleidoskop an musikalischen Farben, die jede denkbare Emotion abbilden. Auch stilistisch bieten die Arien eine breite Vielfalt, vom schlichten Lied bis zum hochvirtuosen Koloraturfeuerwerk.
Schon in der Barockzeit war es üblich, einzelne Arien aus verschiedenen Opern herauszunehmen und daraus ein neues Werk zu schaffen, ein sogenanntes «Pasticcio» (ital. «Pastete»). Diese Praxis, die später eher verpönt war, erfreut sich inzwischen wieder grosser Beliebtheit. So war bei TOBS! 2022 «Les liaisons dangereuses» zu erleben: ein Pasticcio mit Musik aus Opern von Vivaldi.
«Laissez durer la nuit» vereint kurdische und türkische Volksmusik und elektronische Klänge mit Barockmusik.
Gesungen wird in den Sprachen Italienisch, Französisch, Deutsch, Englisch, Lateinisch, Türkisch, den kurdischen Sprachen Kurmandschi und Zazaki, und auf Schweizerdeutsch.
Werke mit Orchesterbegleitung:
Traditionelles Schweizer Lied: Das alte Guggisberger-Lied
Jean-Philippe Rameau: Tristes apprêts (aus «Castor et Pollux»)
Johann Nauwach: Jetzund kömmt die Nacht herbei (aus «Neue teutsche Liedlein»)
Henry Purcell: Oft She Visits (aus «Dido and Aeneas»)
Georg Friedrich Händel: Verso già l’alma col sangure (aus «Aci, Galatea e Polifemo»)
Georg Friedrich Händel: Sarò qual vento (aus «Alessandro»)
Barbara Strozzi : Udite, amanti, la cagione (aus «L’Eraclito amoroso»)
Giovanni Battista Pergolesi: Stabat mater dolorosa (aus «Stabat mater»)
Sébastien Le Camus: Laissez durer la nuit
Claudio Monteverdi: Lamento della ninfa (aus «Madrigali guerrieri et amorosi»)
Antonio Caldara: Spera, consolati (aus «Maddalena ai piedi di Cristo»)
Johann Sebastian Bach: Stumme Seufzer, stille Klagen (aus Kantate BWV 199 «Mein Herze schwimmt im Blut»)
Paul Hindemith: Trauermusik (Teil I)
Antonio Caldara: Per il mar del pianto mio (aus «Maddalena ai piedi di Cristo»)
Hildegard von Bingen: O rubor sanguinis
Francesco Provenzale: Non posso far (aus «Lo schiavo di sua moglie»)
Antonio Vivaldi: Armatae face et angibus (aus «Juditha triumphans»)
Antonio Vivaldi: Cum dederit dilectis suis somnum
Claudio Monteverdi: Duo Seraphim clamabant (aus «Vespro della Beata Vergine»)
Meike Lieser
Die türkischen Lieder
Die türkischen Lieder
Ausgangspunkt ist das Lied «Üsküdar’a gider iken» («Auf dem Weg nach Üsküdar»). Es handelt sich um ein türkisches Volkslied, das die Geschichte einer Frau und ihres sogenannten kâtip (Schreiber bzw. Sekretär) erzählt, die nach Üsküdar reisen. Dieses Lied gilt als eine der beliebtesten Melodien des Osmanischen Reiches. In Adela Peevas Dokumentarfilm «Whose Song is This?» («Wem gehört dieses Lied?») werden zahlreiche Versionen dokumentiert.
In jedem Land beanspruchen die Menschen dieses Lied für sich und können sogar ausführliche Geschichten über seinen Ursprung erzählen. So existieren viele verschiedene Versionen in den Nachbarländern der Türkei, etwa in Griechenland, Nordmazedonien, Albanien, Bosnien, Serbien, Bulgarien oder der arabischen Welt – jeweils mit abweichenden Texten. Über seinen tatsächlichen Ursprung gibt es keine eindeutige Antwort. Manche führen armenische Wurzeln an und behaupten, dass es 1883 erstmals in der Operette «Leblemitzi Horboraga» von Dihran Tsohatzian gesungen wurde, die im gesamten Osmanischen Reich populär wurde. Andere schreiben die Komposition einem schottischen Musiker zu, der während des Krimkriegs 1853–1856 auf der asiatischen Seite Istanbuls war – als die schottischen Militärkapellen (in Röcken) nach Üsküdar marschierten.
1953 interpretierte die US-amerikanische Sängerin Eartha Kitt das Lied auf Türkisch unter dem Titel «Uska Dara».
Eine Version von Jordi Savall und seinem Ensemble Hespèrion XXI existiert in griechischer, arabischer, türkischer und ladinischer Sprache.
«Uzun İnce Bir Yoldayım» («Ich bin auf einem langen, schmalen Weg») ist eines der bekanntesten Lieder der Türkei. Es gehört zum Repertoire der türkü – traditioneller türkischer Volkslieder – und wurde 1966 vom Dichter und Volksmusiker Âşık Veysel geschrieben. Komponiert ist es im Modus hüseynî, einem traditionellen Tonsystem, vergleichbar mit den Modi in der westlichen Musik. Das Gedicht stammt aus der Region Şarkışla in der Provinz Sivas und erzählt das Leben von der Geburt bis zum Tod. Âşık Veysel verwendet dabei sehr eindringliche Bilder, um die Kürze der menschlichen Existenz zu veranschaulichen.
In der türkischen Überlieferung bezeichnet das Wort türkü jede Art von populärer Poesie, die zu einer Melodie gesungen wird. Ein Volkslied hat keine feste Form: Jede koşma, jede semai, jede Epik oder jedes beliebige Volksgedicht wird durch das Singen auf eine volkstümliche Melodie zum Türkü. Das charakteristischste Merkmal dieser Lieder ist daher ihre Melodie.
Die grosse Mehrheit der Türküler ist anonym oder wurde mündlich überliefert; die ursprünglichen Autoren sind oft unbekannt. Türküler gehören dem Volk und sind ein weit verbreitetes musikalisches Genre, das Künstler*innen in Alben, Konzerten und Aufführungen allen Bevölkerungsschichten zugänglich machen. Sie entstehen und verbreiten sich häufig als Reaktion auf Naturereignisse oder heroische Taten. Da sich Namen, Orte und Themen in der Überlieferung ändern, ist es oft schwierig, den genauen Ursprung eines Liedes zu bestimmen.
«Yarîm Istanbul’u mesken mi tuttun» gehört zum Repertoire der gurbet-Lieder (Fremde/Exil). Dieses wiederkehrende Motiv der türkischen Musik drückt Sehnsucht, die Entfremdung und das Leben fern der Heimat aus.
Das Lied erzählt von der Not und dem Überlebenskampf im Dorf Kuruköprü im Bezirk Talas, Provinz Kayseri. Viele junge Frauen und Männer waren heiratsfähig und verliebt, doch die harten Lebensbedingungen verhinderten einfache Heiraten. Zwei Jugendliche aus dem Dorf fanden dennoch ihr Glück und verlobten sich. Sie reisten nach Istanbul, um Geld zu verdienen und heiraten zu können. Nach zwei Jahren kehrten sie zurück, heirateten, mussten jedoch erneut nach Istanbul ziehen, um den Lebensunterhalt zu sichern. Einige Jahre später kehrte die Frau ins Dorf zurück. Sie wartete auf ihren Mann, schrieb ihm Briefe, erhielt jedoch weder Antwort noch Nachrichten. Tage, Monate und Jahre vergingen – doch er kam nicht zurück.
Julia Deit-Ferrand
Die Kunst der Dengbêj
Die Kunst der Dengbêj
deng = Stimme, bêj = Erzähler*in
Dengbêj ist ein kurdisches Musikgenre, das von Dengbêjs – Sänger*innen und Geschichtenerzähler*innen – ausgeübt wird. In ihrem Repertoire steht der Text im Mittelpunkt: Er ist erzählerisch geprägt und wird a cappella vorgetragen. Ob allein oder in der Gruppe – beim Singen eines Kilam (eines melodisch erzählten Textes) erschaffen Dengbêjs eine eigene Welt, in der sich individuelle und kollektive Lebenserfahrungen spiegeln. Verlust und Schmerz, Verzweiflung und Kummer, Trauer und Nostalgie stehen hier neben Liebe und Zuneigung, Moral und Hoffnung. Ein zentrales Motiv dieser Klagelieder ist das harte Leben im Exil im Kontrast zur Geborgenheit der Heimat.
Die Kilams zeichnen Bilder von Dorfgemeinschaften, vom Leben der Hirt*innen, von Aufständen und Kriegen – sie rufen eine Welt auf, die an die kurdische Vergangenheit erinnert und sie zugleich lebendig hält. Die mündliche Überlieferung dieser Kunstform führt dazu, dass jedes Lied von jeder Dengbêj immer wieder neu interpretiert wird und so persönliche Erfahrungen durch Sprache und Musik weitergetragen werden.
In den 1930er-Jahren verbot die türkische Regierung die kurdische Sprache, wodurch die Dengbêjs beinahe zum Schweigen gebracht wurden. Nach dem Militärputsch von 1980 war es erneut untersagt, Kurdisch öffentlich zu sprechen; kurdische Sänger*innen und Musiker*innen wurden inhaftiert und gefoltert. Das Singen dieser Texte trägt dazu bei, Ereignisse und Geschichten im kollektiven Gedächtnis zu bewahren.
Durch den bewaffneten Konflikt und die Zerstörung tausender Dörfer erleben viele Frauen – zusätzlich zum Verlust ihrer Heimat – das Exil in den grossen Städten sowie die Trauer um ihre Dörfer und ihre Verstorbenen. Besonders Mütter berichten von tiefem Leid. Auch wenn sie nicht die einzigen Betroffenen sind, sind sie es, die diesem Leid Ausdruck verleihen und es in die Gemeinschaft tragen. So wird die Mutter zur Erzählerin von Klageliedern für ihren Sohn. Manchmal richtet sich die Sängerin auch an ihre eigene Mutter und vertraut ihr ihren Schmerz an: «Weine nicht, Mutter.» – «Oh Mutter, ich bin voller Kummer.» Indem sie ihren Schmerz aussprechen, machen die Frauen ihn für die Gemeinschaft spürbar und übernehmen eine zentrale Rolle als Trägerinnen und Bewahrerinnen von Trauer.
«Laissez durer la nuit» führt zurück zu den Ursprüngen dieser Dengbêj-Kunst: zu kraftvollen Klageliedern und weiblichen Gesangstraditionen, die bis in die Anfänge der kurdischen Kultur zurückreichen.
Julia Deit-Ferrand
Die Kostüme
Jede der fünf Frauen hat eine ganz eigene Sprache. Es war mir wichtig, sie alle eigenständig darzustellen, um zu unterstreichen, dass sie ihre Verschiedenheit behalten können und müssen. Die Gemeinsamkeit finden sie auf einer sehr tiefen anderen Ebene.
Die Symbole auf Eylüls Jacke verweisen auf ihre Texte, oder vielmehr reagieren sie darauf. Sie sind von Hand mit Russ und Muttermilch in das Leder gestochen. Diese sogenannten Deq-Tattoos sind tief in der kurdischen Kultur verwurzelt, den Symbolen werden Wirkungen zugeschrieben wie Schutz vor Bösem und die Verleihung von Stärke. Die beiden Kämme auf der Vorderseite der Jacke symbolisieren die Beziehung zu ihrer Mutter, an die sie ihre sorgenvollen Gedanken richtet. Sterne stehen für die Nacht und Berge für ihr Zuhause.
Wenn solche Motive auf die Haut tätowiert werden, sollen sie auch schmerzhafte Stellen bei der Heilung unterstützen.
Die Öffnung ihrer Jacke ziert ein Lebensbaum.
Der Print auf Serenads Kleid zeigt eine fiktive Stadt, die wie eine Collage zusammengesetzt ist und aus Nachtlichtern einen gemeinsamen Ort jenseits territorialer Grenzen formt.
Julia erscheint in der Jacke ihres Grossvaters. Ihr Kostüm entstand in Anlehnung an die Kleidung, welche die Menschen auf dem Land, in den Dörfern tragen.
Die Schäferin, alternierend dargestellt von Iris und Marlene, ist diejenige, die die Gruppe behütet und zusammenhält. Sie trägt einen von traditionellen Hirtenmänteln inspirierten Überwurf.
Marie ist vergleichbar der Hohepriesterin aus dem Tarot, die für Intuition, göttliche Weisheit und das verborgene Weibliche steht. Sie befindet sich meist etwas neben der Gruppe und ist doch in zentralen Momenten Teil davon. So gibt es eine sehr graphische Linienführung in ihrem Kleid, ein leuchtendes Band.
Esther-Helin Bienroth
Trägerschaft
Trägerschaft
Stadt Biel
Stadt Solothurn (mit Unterstützung von Kanton und Gemeinden der Repla Solothurn)
Kanton Bern
Gemeindeverband Kulturförderung Biel/Bienne-Seeland-Berner Jura
Impressum
Impressum
Aufführungsrechte:
Konzept: Julia Deit-Ferrand
Francesco Provenzale, Non posso far (aus «Lo schiavo di sua moglie»): Éditions Charybde & Scylla, Yannis François
Paul Hindemith, Trauermusik: Schott Music GmbH & Co. KG
«Rêwîya şevê»: Eylül Nazlîer
Elektronische Musik: Marie Delprat, Janiv Oron
Arrangements und Zwischenspiele: Gabriella Teychenné
Die Liedtexte «Gidîyono», «Ahmedo Ronî» und «Genç xelil» wurden von Latcheen Maslamani für die Übertitel unserer Produktion aus dem Kurmandschi ins Französische übersetzt. Alle weiteren Rechte bleiben bei der Übersetzerin.
Herausgeber:
Theater Orchester Biel Solothurn TOBS!
www.tobs.ch
Saison 2025/26
Programm Nr. 5
Intendant: Dieter Kaegi
Stellvertretender Operndirektor: Francis Benichou
Redaktion: Meike Lieser
Übersetzung: Isabelle Wäber, Julia Deit-Ferrand (französisch),
Béatrice Schmidt, Meike Lieser, Raphael Hehl (deutsch)
Lektorat: Béatrice Schmidt, Julia Deit-Ferrand
Layout: Aline Boder
Gestaltung: Republica AG
Fotos der Klavier- und Orchesterhauptprobe vom 23. und 24. März 2026: Joel Schweizer Fotoauswahl: TOBS!
März 2026
Alle Texte sind Originalbeiträge für diese Produktion. Die Interviews führte Meike Lieser zwischen dem 3. und 9. März 2026.
Literaturhinweise (Auswahl):
Kordula Knaus: Musikgeschichte «Barock». 2023, Bärenreiter Studienführer Musik.
Silke Leopold: Geschichte der Oper in vier Bänden. Band 1, Die Oper im 17. Jahrhundert. 2020, Laaber Verlag
Eva Rieger: Frau, Musik und Männerherrschaft, Kassel 1988, Furore-Verlag.
Aslı Erdoğan: Requiem für eine verlorene Stadt. Aus dem Türkischen von Gerhard Meier. 2022, Penguin Verlag
Zeynep Ersan Berdos: Turquie. Un pont entre deux mondes. 2022, Collection L’âme des peuples
Azadî: Leçons kurdes. Les damnés des montagnes. 2025, La fabrique éditions.
Sophie Mousset: Kurdistan. Poussière et vent. 2017, Collection L’âme des peuples
Alice Zeniter: Je suis une fille sans histoire. 2021, Arche
kurdistan-au-feminin.fr/2019/07/12/lamentations-de-femmes-kurdes-deplacees-les-chemins-de-lidentite-kurde-en-turquie-aujourdhui/
Estelle Amy de la Bretéque: Voices of Sorrow. Melodized Speech, Laments, and Heroic Narratives Among the Yezidis of Armenia. Yearbook for Traditional Music, Vol. 44 (2012)
www.theparisreview.org/blog/2018/10/01/eartha-kitt-in-istanbul/
Quellen: Adela Peeva, Whose Song is This?, 2003
archive.org/details/whose-is-this-song-2003
Fotografieren, Filmen sowie Tonaufnahmen sind während der Vorstellung aus urheberrechtlichen Gründen nicht gestattet.
Die Veranstaltungsplakate können an der Theaterkasse erworben werden.
Wir freuen uns über Ihre Rückmeldung zur Inszenierung: direktion[at]tobs.ch




