Digitales Programmheft

Home

von Antoine Jaccoud
nach dem Film von Ursula Meier
Uraufführung

Inhalt

«Home» ist der Name eines Filmes von Ursula Meier aus dem Jahr 2008. Mehr als 15 Jahre später hat der Drehbuchautor Antoine Jaccoud nun für TOBS! eine Theaterfassung geschrieben. Die Uraufführung dieses Stückes wird von Nadine Schwitter inszeniert.

Eine stillgelegte Autobahn wird renoviert und wieder in Betrieb genommen. Marthe und Michel leben mit ihren drei Kindern in einem freistehenden Einfamilienhaus neben genau dieser Autobahn. Eines Tages entdeckt der Sohn Julien, dass Arbeiter sich mit Teer an der Autobahn zu schaffen machen. Das Radio meldet die definitive Inbetriebnahme des Autobahnabschnitts. Wenige Tage später braust der Verkehr direkt am Haus vorbei. Der Spielplatz Autobahn wird zur Lärmbelästigung und zu einer Abfallschleuder. Wegziehen oder nicht? Die Familie droht auseinanderzubrechen. Es gelingt der Familie nicht, sich von ihrem Haus zu lösen. Im Gegenteil sie isoliert sich in ihrem Zuhause.

Das englische Wort «Home» lässt sich auf unterschiedliche Weise übersetzen: es steht für das Haus, für das Zuhause, für die Familie und für die Heimat.

Weitere Informationen

Dauer: ca. 1 Stunde 40 Minuten ohne Pause
Altersempfehlung: 14+

Live-Einführung und Nachgespräch: Informationen hier.

«Weggehen. Wohin? Hier sind wir zu Hause. Das ist unser Haus. Das ist unser Zuhause.»
 

Marthe

Besetzung

Besetzung

Inszenierung Nadine Schwitter
Bühnenbild Andreas Bächli
Kostüme Andreas Bächli | Nadine Schwitter
Musik Daniel Steiner
Choreografie Lena Visser
Lichtgestaltung Michael Nobs
Dramaturgie Olivier Keller
Regieassistenz und Inspizienz Yael Stricker
Regiehospitanz Silia Martz
Vermittlung Janna Mohr
Übertitel SUBTEXT, Dòra Kapusta
Übertitelinspizienz Stephan Ruch

Marthe Anna Blumer
Michel Bene Greiner
Judith Phaea Korycik*
Marion Elisa Voges*
Julien Konrad Zschiedrich
Bauarbeiter*innen Barbara Flury | Laurent Grosjean | Silia Martz | Yaku Narquez | Michèle Péquegnat (Statisterie TOBS!)
Radiostimmen Günter Baumann | Gabriel Noah Maurer | Nadine Schwitter

* Studierende der ZHdK (Schauspielpraktikum)

Technik

Technik

Technischer Direktor Günter Gruber

Leitung Ausstattung und Werkstätten Vazul Matusz
Schreinerei Simon Kleinwechter | Steven McIntosh | Raphael Schärer
Malsaal Daniel Eymann (Leitung) | Julian Scherrer
Dekorationsabteilung Ursula Gutzwiller
Requisiten Céline Anderegg
Maske Schauspiel Barbara Grundmann-Roth (Leitung) | Mandy Gsponer

Leitung Schneiderei Gabriele Gröbel
Schneiderei Catherine Blumer | Natalie Zürcher (Gewandmeisterinnen Damen) | Janine Bürdel | Sarah Stock (Gewandmeisterinnen Herren) | Christine Wassmer (Admin. Stellvertreterin) | Katrin Humbert | Dominique Zwygart
Ankleiderin Anja Wille

Technischer Leiter Adrian Kocher
Bühnenmeister Biel Samuele D'Amico
Bühnenmeister Solothurn Rémy Zenger
Technische Einrichtung Peter Wiesmeier
Ton Alex Wittwer

und das Technik-Team TOBS!

Die Ausstattung wurde in den eigenen Werkstätten hergestellt.

1 – Anna Blumer, Bene Greiner, Konrad Zschiedrich, Elisa Voges & Phaea Korycik 
2 – Bene Greiner, Anna Blumer, Phaea Korycik, Konrad Zschiedrich, Elisa Voges 
3 – Elisa Voges & Konrad Zschiedrich
4 – Elisa Voges, Konrad Zschiedrich, Anna Blumer, Phaea Korycik & Bene Greiner
© Joel Schweizer

Figuren

Marthe

Marthe

Marthe ist die Mutter einer fünfköpfigen Familie. Sie ist im Zentrum der Familie und verbringt am meisten Zeit zuhause. Ihre Aufgaben sieht sie im Zusammenhalt der Familie und in der Anwesenheit für die Kinder. Sie kann das Einfamilienhaus nicht verlassen, weil sie spürt, dass ein Wegzug gleichbedeutend mit der Auflösung der Familie wäre. Weggehen kommt für sie nicht in Frage.

Michel

Michel

Für Michel ist die Familie das Wichtigste. Er versucht, die Übersicht zu behalten, und ist in Gedanken immer bei seiner Frau und seinen Kindern. Ihm ist klar, dass es mit einer Autobahn im Garten nicht geht. Er will wegziehen, aber er kann nur in Funktion zu den anderen Familienmitgliedern agieren. Und so entscheidet er sich für den radikalen Weg nach innen: dem Zumauern des Einfamilienhauses.

Judith

Judith

Die älteste Tochter heisst Judith. Sie ist unabhängig. Innerlich ist sie schon nicht mehr ganz Teil der Familie. Der Bau der Autobahn und die damit einhergehende Zuspitzung der Wohnsituation sind für sie Anlass, auch wirklich wegzugehen. Sie packt die Gelegenheit und verschwindet. Damit ist sie der vom Zentrum am weitesten entfernte Familiensatellit.

Marion

Marion

Marion ist die Schwester von Judith und Julien. Sie ist intelligent und durchschaut die Vorgänge, die geschehen. Sie sieht überall Gefahren und ist hin- und hergerissen zwischen Familienzugehörigkeit und Selbständigkeit. Für sie ist das Einmauern eine Erleichterung.

Julien

Julien

Der elfjährige Julien ist der jüngste der Familie. Er ist noch nicht erwachsen. Er will spielen, er hat einen direkten und neugierigen Blick auf das Geschehen. Die Renovation der Autobahn schnürt seinen Spielraum ein. Die Spannungen in der Familie machen ihm zu schaffen.

Drei Fragen an Nadine Schwitter

Welche Fragen stecken in diesem Stück?
Durch den Probeprozess begleitete uns z.B. die Frage, wessen Geschichte wir hier erzählen: die der Mutter, die ihr Heim, das Haus an der Autobahn allen Widrigkeiten zum Trotz nicht verlassen kann und gemeinsam mit ihrer Familie in eine Katastrophe rast, um dann ganz kurz vor dem Ende wie aus einem bösen Traum aufzuwachen, das alte Leben loszulassen und in ein neues aufzubrechen? Oder ist es die Geschichte einer Familie, mit ihren fünf unterschiedlichen Individuen, die sich trotz ihrer entgegengesetzten Bedürfnisse und Konflikte füreinander entscheiden, sich voll und ganz zu «committen»? Wir haben uns gefragt, was Commitment bedeutet. Was bedeutet Heimat? Ist Heimat die Familie, also die Menschen, oder ist Heimat das Haus, der Ort, der Grund?  Kann eine Familie zusammen weiterleben, wenn sie gemeinsam durch diese Katastrophe, diesen Prozess gegangen ist? Sicherlich ist «Home» auch eine Emanzipationsgeschichte, eine Befreiungsgeschichte. Wenn das Alte, was schön und gut war, nicht mehr stimmt und belastend wird: schafft man es, loszulassen und in ein neues Lebenskonzept aufzubrechen? Und natürlich schwingt auch das Thema Abhängigkeit mit. Wer ist von wem abhängig in einer Familie und wie gesund ist das? Wer schafft es loszulassen?

Im Film ist vieles möglich. Auf der Bühne braucht es eine Art Abstraktion. Was ist Eure Bühnensetzung?
Wir gehen davon aus, dass die Familie am Anfang auf der Autobahn lebt. In einer Art Paradies. Es ist ihr Raum, ihre Autobahn. Weil die Familie einen sehr ungezwungenen Umgang miteinander hat, ist unser Familienherd auf der Bühne das Badezimmer. Wir skizzieren den Badezimmerraum in einer Gartenfläche, die Familie lebt mit Sofa und anderen Möbeln im Garten und auf der Autobahn. Der Zuschauerraum ist bei uns die Autobahn. Das beeinflusst das Verhältnis von den Spielenden zu den Zuschauenden. Wir spielen mit einer offenen vierten Wand. Wir kommunizieren mit dem Publikum. Später, mit der Inbetriebnahme der Autobahn verändert sich das Verhältnis der Spielenden zum Publikum. Das Publikum wird zur Gefahr, zu den Voyeurist*innen, die den privaten Raum in Besitz nehmen und in ihn hineingucken. Die Familie schottet sich ab und mauert sich in ihrem Haus ein. So werden auch wir dem Publikum am Ende die Sicht nehmen. Für die Übersetzung der Autobahn und ihrer Lärmbelastung in den Theaterraum arbeiten wir mit einer Überhöhung auf der Audioebene mit einem Chor von Lautsprechern, die ab der Eröffnung der Autobahn die Strasse pflastern und den Lärm auf die Bühne bringen.

Für wen ist dieses Stück besonders interessant?
Es ist eine Geschichte über Familie, über Beziehungen, über Bindungen, die uns von Geburt an prägen und unser ganzes Leben irgendwie mitbestimmen. Es trifft uns alle, jeden Alters. Wir können mit einer funktionierenden Familie, die etwas Leichtes und Liebevolles ausstrahlt und durch äussere Umstände aus der Balance gerät, mitfühlen. Die Geschichte erzählt auf ganz grundlegende Weise vom Leben und unseren Grundbedürfnissen: Liebe, Zuwendung, Zusammenhalt, Zugeständnis und Verantwortung. Das ist für viele Menschen bewegend.

«Wir sind hier zu Hause. Wir fühlen uns wohl hier. Nicht wahr, Kinder? Uns fünf geht es gut hier, nicht wahr?»
 

Marthe

Musik. Autobahn als Lärmbelastung

Daniel Steiner hat der Autobahn aufmerksam zugehört und daraus eine eigenständige Klangwelt entwickelt. Diese beschränkt sich nicht auf ein naturalistisches Abbild, sondern bewegt sich bewusst im Spannungsfeld zwischen Illustration und Abstraktion. Drei von ihm komponierte Stücke aus der Inszenierung sind hier vorab zu hören.

Home - Auf den Punkt gebracht


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«Wisst ihr, dass ich euch gernhabe? Marthe, Marion, Julien, Judith! Wisst ihr, dass ich euch gernhabe?»
 

Michel

Home. Der Film

In einer kargen und leeren Landschaft erstreckt sich eine leere, unbenutzte Autobahn. Sie verfällt langsam und der Asphalt wird von Pflanzen durchdrungen. Am Rande dieser Autobahn befindet sich ein freistehendes Haus mit einem kleinen Garten. In diesem Haus wohnt eine Familie. Die Sommerferien beginnen. Strassenbaumaschinen tauchen auf. Die Autobahn soll in Betrieb genommen werden. Dies ist die narrative Anlage, die das Funktionieren der Familie aufs Äusserste reizt. Der Film «Home» ist naturalistisches Kammerspiel und metaphorische Abstraktion in einem.

Die Uraufführung des Filmes fand am 18. Mai 2008 am Cannes Film Festival statt. Die Mutter Marthe wird von Isabelle Huppert gespielt. Olivier Gourmet heisst der Schauspieler des Vaters Michel. Auch der Schauspieler Kacey Mottet Klein, der den Sohn Julien verkörpert, wurde durch den Film berühmt. Er erhielt 2009 den Schweizer Filmpreis für das beste schauspielerische Nachwuchstalent. Ausserdem erhielt «Home» den Schweizer Filmpreis für den besten Spielfilm und für das beste Drehbuch.

Die Produktion hat lange nach einem geeigneten Ort für die Dreharbeiten gesucht und wurde in Bulgarien fündig. Das Haus, das für fast alle Szenen des Films als Drehort diente, musste eigens an der ehemaligen Landstrasse neu errichtet werden. Die Strasse wurde neu asphaltiert. Die Dreharbeiten dauerten zehn Wochen.

Der Film «Home» kann via filmo.ch abgerufen werden: www.filmo.ch

«Marion: Es ist das Ende.
Julien: Das Ende von was, Marion?
Marion: Das Ende von allem. Von allem, was wir hier hatten…»

Antoine Jaccoud

Antoine Jaccoud wurde 1957 in Lausanne geboren. Nach seinem Abschluss in Politikwissenschaften arbeitete er einige Jahre als Journalist für das Schweizer Magazin L’Hebdo, bevor er eine Ausbildung zum Drehbuchautor absolvierte – zunächst beim polnischen Filmemacher Krysztof Kieslowski und anschliessend beim renommierten tschechischen Pädagogen Frank Daniel. Heute schreibt er für Film, Theater und Spoken Word und unterrichtet an verschiedenen Filmschulen in Europa und darüber hinaus. 2013 erhielt er für sein Gesamtwerk den Literaturpreis der Fondation vaudoise pour la culture und 2016 den «Prix d’honneur» der Solothurner Filmtage für seinen Beitrag für den Schweizer Film.
Antoine Jaccoud ist ausserdem Mitglied der Autor*innengruppe «Bern ist überall», die zu den Vorreitern der aktuellen Spoken-Word-Bewegung gehört. «Bern ist überalle» ist Preisträgerin des Literaturpreises der Stadt Bern 2011, des Gottfried-Keller-Preises 2013 sowie des Prix du Bilinguisme dans la culture des Kanton Bern 2025.

«Und sowieso: ich habe spezielle Antikörper, ich kann gar nicht krank werden.»
 

Judith

1 – Anna Blumer, Phaea Korycik, Konrad Zschiedrich, Elisa Voges & Bene Greiner
2 – Phaea Korycik
3 – Elisa Voges
4 – Konrad Zschiedrich
© Joel Schweizer

Die Filme von Ursula Meier

Ursula Meier ist eine französisch-schweizerische Filmemacherin. Sie wuchs bei Genf auf und studierte Regie am Institut des Arts de Diffusion im belgischen Ottignies-Louvain-la-Neuve.

«Home» ist ihr erster Spielfilm. Neben den Preisen, die der Film in der Schweiz gewann, wurde er als Schweizer Beitrag für den Oscar 2010 eingereicht.
Ihr zweiter Spielfilm «L’enfant d’en haut» erhielt ebenfalls viel Anerkennung, unter anderem den Schweizer Filmpreis für das beste Drehbuch. Der Film erzählt die Geschichte des Jungen Simon, der in einem Skigebiet Touristen bestiehlt, um den Lebensunterhalt für sich und seine ältere Schwester zu verdienen. Ursula Meier erhielt dafür in Berlin einen Silbernen Bären. Auch in diesem Film spielt Kacey Mottet Klein eine sehr wichtige Rolle. Ursula Meier hat den Nachwuchsschauspieler 2015 ins Zentrum eines Kurzfilms mit dem Titel «Naissance d’un acteur» gesetzt.

Der jüngste Film von Ursula Meier heisst «La Ligne» (2022). Auch in diesem Film stehen eine dysfunktionale Familie und ihr Zuhause im Zentrum. Margaret ist in der Vergangenheit vielfach gewalttätig gewesen. Als sie eines Tages während eines Streits brutal ihre Mutter Christina angreift, wird sie von der Polizei verhaftet. Es wird entschieden, dass sich Margaret für drei Monate dem Haus ihrer Familie nicht mehr als 100 Meter nähern darf. Ausgesperrt aus ihrem Zuhause, verstärkt dies nur den Wunsch der ältesten Tochter, ihrer Familie näher zu sein. Auch bei diesem Film zeichnen Ursula Meier und Antoine Jaccoud zusammen für das Drehbuch verantwortlich. 2023 haben die beiden zum dritten Mal den Schweizer Filmpreis für das beste Drehbuch erhalten.

«Wir werden ein Swimmingpool haben. Yeaaah!»
 

Julien

Unterstützung

Wir danken unseren Sponsoren & Partnern für Ihre Unterstützung.

«Home» ist Teil des Projektes «Feedback-Kultur gestalten», das TOBS! und Migros-Kulturprozent m2act in der aktuellen Spielzeit umsetzen.

Trägerschaft

Trägerschaft

Stadt Biel

Stadt Solothurn (mit Unterstützung von Kanton und Gemeinden der Repla Solothurn)

Kanton Bern

Gemeindeverband Kulturförderung Biel/Bienne-Seeland-Berner Jura

Impressum

Impressum

Aufführungsrechte:
SSA, société suisse des auteurs

Herausgeber:
Theater Orchester Biel Solothurn TOBS!
www.tobs.ch
Saison 2025/26
Programm Nr. 5

Intendant: Dieter Kaegi
Schauspieldirektion: Olivier Keller | Patric Bachmann
Redaktion: Olivier Keller
Übersetzung: Stefanie Günther Pizarro
Layout: Aline Boder

Gestaltung: Republica AG
Fotos: Joel Schweizer
Fotoauswahl: TOBS!
Januar 2026

Urheberrechte: Inhaber*innen von Urheberrechten, die vor Drucklegung nicht erreicht werden konnten, werden gebeten sich zu melden.

Fotografieren, Filmen sowie Tonaufnahmen sind während der Vorstellung aus urheberrechtlichen Gründen nicht gestattet.

Die Veranstaltungsplakate können an der Theaterkasse erworben werden.

Wir freuen uns über Ihre Rückmeldung zur Inszenierung: direktion[at]tobs.ch