Inhalt
Der Zug ist abgefahren – für den Mann mit den traurigen Augen wie für die Stadt, die er nolens volens besucht. Gunter hat eine bewegte Reise hinter sich: einen Einsatz in Moldawien als Arzt ohne Grenzen, den er ebenso vorzeitig abgebrochen hat wie die Heimfahrt zu seinen Eltern nach Bleibach. Um der Hitze im Zug mit seinen verschweissten Fenstern zu entkommen, steigt er zu früh aus: in Neumünster an der Lau, einer Stadt, die ausgestorben scheint – abgesehen vom Brüderpaar Flick, das ihn freundlich nötigt, hier zu übernachten – als Gast der Familie wird er Hedy Flick zugeführt, gewesener Krankenschwester – und zwischen ihr, von pneumonia migrans befallen, und dem traumatisierten Arzt ohne Grenzen, ausgerenkten Existenzen, glüht kalt die letzte Liebe auf. Hier besteht man aus Angst an sich; ein Torso von Normalität wird dagegen hochgehalten, Restbestände der Zivilisation – noch im Verschwinden richtet man sich wohnlich ein. Was mit dem Verlust des Reisepasses, der offiziellen Identität, begann, endet in Innerer Sicherheit, die sich am allgemeinen Verschwinden reibt, aufreibt und darin mündet; was in der Stadt vor sich geht, wiederholt sich innerhalb der Familie, als einer der Brüder spurlos verschwindet. Mit Gunter ist folgerichtig dessen Lückenbüsser gefunden – und für den Fortgang des Verschwindens gesorgt … während die Gärten verwildern.
«Wie Zahnräder, die ineinandergreifen, und zugleich als stetes Lösen, teilen die Geschwister Flick sich eine Wirbelsäule, Wort für Wort, aus Wechselschritten, da sie einander fortlaufend ergänzen – woraus ein Doppelter Boden entsteht: voller Einschlüsse, die (ausgesprochen) zutage treten, Auch der Gast wird einverleibt, buchstäblich aufgesogen, Rippe für Rippe, im Redefluss: Ein Reissverschluss wird aufgezogen, die Beute genommen, und wieder verschlossen.»
– Händl Klaus
Weitere Informationen
Dauer: ca. 90 Minuten ohne Pause
Altersempfehlung: 14+
Live-Einführung und Nachgespräch: Informationen hier.
1 – Fritz Fenne, Gabriel Noah Maurer & Lina Hoppe
2 – Fabian Müller & Lina Hoppe
3 – Gabriel Noah Maurer, Fabian Müller, Fritz Fenne, Lina Hoppe & Martin von Allmen
4 – Lina Hoppe & Fabian Müller
© T+T Fotografie / Toni Suter
Besetzung
Besetzung
Inszenierung Mélanie Huber
Bühnenbild und Kostüme Lena Hiebel
Musik Martin von Allmen
Liedtexte Stephan Teuwissen
Lichtgestaltung Michael Nobs
Mitarbeit Choreografie Joanne Wilmott
Dramaturgie Patric Bachmann
Regieassistenz und Inspizienz Nora Bichsel
Regiehospitanz Mirjam Zoss, Silia Martz
Vemittlung Elena von Graffenried
Hedy Flick Lina Hoppe
Emil Flick Gabriel Noah Maurer
Hanno Flick Fritz Fenne
Wolfgang Flick Martin von Allmen
Gunter aus Bleibach Fabian Müller
Technik
Technik
Technischer Direktor Günter Gruber
Leitung Ausstattung und Werkstätten Vazul Matusz
Schreinerei Simon Kleinwechter | Steven McIntosh | Raphael Schärer
Malsaal Daniel Eymann (Leitung) | Julian Scherrer
Dekorationsabteilung Ursula Gutzwiller
Requisiten Céline Anderegg
Maske Schauspiel Barbara Grundmann-Roth (Leitung) | Miria Germano | Mandy Gsponer
Leitung Schneiderei Gabriele Gröbel
Schneiderei Catherine Blumer | Natalie Zürcher (Gewandmeisterinnen Damen) | Janine Bürdel | Sarah Stock (Gewandmeisterinnen Herren) | Christine Wassmer (Admin. Stellvertreterin) | Katrin Humbert | Dominique Zwygart
Ankleiderin Martina Inniger
Technischer Leiter Adrian Kocher
Bühnenmeister Biel Samuele D'Amico
Bühnenmeister Solothurn Rémy Zenger
Technische Einrichtung Peter Wiesmeier
Ton Alex Wittwer
und das Technik-Team TOBS!
Die Ausstattung wurde in den eigenen Werkstätten hergestellt.
(WILDE) Mann mit traurigen Augen - Auf den Punkt gebracht
Händl Klaus gibt es wirklich
von Helmut Schödel
Soviel scheint festzustehen: Klaus Händl, der sich als Dichter Händl Klaus nennt, gibt es wirklich. Er wurde in einem Innsbrucker Vorort geboren, der tatsächlich Allerheiligen heisst. Er hat zweifellos einen Prosaband und drei Theaterstücke vorgelegt, wurde mit Preisen bedacht und von «Theater heute», dem Zentralorgan der Theaterschaffenden, zum Nachwuchsdramatiker 2004 gewählt. Er kann wunderbare Buchteln backen, wovon die Kulturszene ein Lied zu singen weiss, in Österreich, Deutschland und in der Schweiz. Er begegnet den Menschen oft mit grossem Überschwang, wobei es sich womöglich um eine umgekehrte Phobie handelt. Händl verbringt viel Zeit in Zügen, was allerdings weniger auf das Bild vom flexiblen Menschen verweist als auf den monomanen, in dessen Leben es immerhin zwei Gewissheiten zu geben scheint: die Alpen und die Toten. Ausserdem ist er schwer mit anderen Menschen zu vergleichen. Es handelt sich um einen Einzelfall.
Aber wie leicht man sich täuschen kann! Das fängt schon bei der Kürze der Sätze in Händls Stücken an, die gar nicht wirklich kurz sind, sondern nur so wirken, weil von einem Satz gleich zwei oder mehr Personen leben müssen, die sich Satzteile und Wörter zu Staccato-Dialogen aufteilen. Emil spricht ein Adjektiv, Hanno ein Verb, man teilt oder legt zusammen oder spricht auf Punkt, weil Händls Menschen nicht wirklich Antworten erwarten. Man verwendet auch einen Satz gern mehrmals, so wie die jüngeren Brüder früher die Hosen der älteren auftrugen. Und dazwischen schlagen bisweilen die Kommata ein wie nach der übernächsten Rechtschreibreform. Und zerteilen alles ein weiteres Mal und nehmen dem Leser den letzten Rest von Sicherheit. «mir ist heiss», sagt Gunter. «man muss ins Wasser, ab,» folgert Hanno. «und zu», ergänzt Emil. Man muss ab ins Wasser, ab und zu. Ein «ab» hat sich Händl Klaus erspart, weil er immer lieber weniger als zuviel schreibt: verknappt, rhythmisiert und alles in der Schwebe lässt. Händls Lakonie ist ein Ausdruck von Rücksicht und Zurückhaltung. Auch wenn er gerade abermals bedauern muss, uns nicht als Optimist entgegentreten zu können, weil die Welt kaputt ist, hält er es mit Jean Paul: «Es wird uns allen sanft tun.»
Händls Sätze konkurrieren nicht mit ihren berühmten Vorgängern, die uns die Welt zu erklären versuchten oder an ihr verzweifelten. «Sein oder Nichtsein» – das wären bei Händl zwei Fragen für drei Schauspieler. Aus diesen Stücken wird man keine sinnstiftenden Zitate herausfiltern können, und die grosse Metapher sucht man vergebens. Bei Händl zerfällt das Welträtsel in lauter kleine, einzelne Rätselhaftigkeiten. Es ist der Sog der verwirrenden Details, von dem diese Stücke leben, in denen das Beiläufige zum Ereignis wird.
Weiss der traumatisierte Arzt ohne Grenzen in «(WILDE) Mann mit traurigen Augen», der behauptet, in Bleibach seine Eltern besuchen zu müssen, dass sie tot sind? Sind sie tot? Lügt er? Warum will er überhaupt in dieses Kaff, wenn man inzwischen gar nicht mehr weiss, ob zum Namen noch ein Ort gehört? …
Händls Theater begann mit zwei Monologen «Ich ersehne die Alpen; So entstehen die Seen». Da traten sie auf, Händls Garanten: die Berge und die Toten. Sie haben einen grossen Vorteil: sie schweigen. Sie sind die eigentlichen Lakoniker, nicht des Rätsels Lösung, sondern ein Teil von ihm. Das ist es, was Händl uns in den folgenden Stücken nahelegt: ein Teil des Rätsels zu werden. Erlöst von der Frage. Nix mehr mit Warum? und umadumm. Der letzte Akt in seiner Dramatik könnte «Das grosse Schweigen» heissen. Das wird Händl sanft tun. …
In «(WILDE) Mann mit traurigen Augen» hat es eine Luft wie bei Tennessee Williams, aber nicht diese schläfrige Hitze von damals, als sogar die Strassenbahnen noch Namen trugen wie «Desire». Alles scheint im Nichts verschwunden: der Pass des Arztes ohne Grenzen, die Bevölkerung von Neumünster an der Lau, es gibt kein Wasser mehr, der letzte Zug scheint abgefahren, ein Zwillingspaar klammert sich an seine Erinnerung an eine intakte Welt, und durch ihre Schwester Hedy kommt noch einmal etwas wie Liebe auf – noch einmal und dann lang nicht mehr. Die Hitze in Neumünster ist nicht mehr metaphorisch. Sie brütet auch keine Neurosen mehr aus wie die heisse Luft in den Stücken von Tennessee Williams. Händl sieht die Sonne verbrennen und die Umwelt kollabieren. Er pflegt eine liebevolle Beziehung zum Ungeheuerlichen, zu Katastrophen, Schmerz und Tod. Auch die Menschen in Neumünster, die sich noch am day after belügen, bis sich keiner mehr auskennt, beobachtet er mit Freundlichkeit. Sie werden Wilde werden, plündern schon die leeren Supermärkte und jagen Katzen. Händl sagt: «Ich habe eine Zeitlang an die Seele geglaubt. Aber mittlerweile glaube ich, dass wir ausgelöscht sind.» Neumünster ist Endstation. Der nächste Ort an der Lau heisst Schweigen. Aus dieser Gewissheit kommt Händls Geduld mit der Rede.
Biografische Notiz
Händl Klaus, geboren 1969 in Rum/Tirol, lebt in Port am Bielersee. Nach einer Schauspielausbildung in Wien spielte er am dortigen Schauspielhaus sowie in mehreren Filmen, u. a. von Michael Haneke, Jessica Hausner und Dagmar Knöpfel. Neben Theaterstücken schreibt Händl Klaus auch Hörspiele, Prosa und Drehbücher, die er selbst verfilmt. Ausserdem zählt er mittlerweile zu den wichtigsten Opernlibrettisten der Gegenwart. Für sein Prosadebüt «(Legenden)» erhielt er u.a. den Robert-Walser-Preis der Stadt Biel und des Kantons Bern. Das Stück «(WILDE) Mann mit traurigen Augen» wurde 2004 zum Berliner Theatertreffen und den Mühlheimer Theatertagen eingeladen.
1 – Fabian Müller & Lina Hoppe
2 – Gabriel Noah Maurer, Fabian Müller & Fritz Fenne
3 – Fabian Müller, Fritz Fenne, Gabriel Noah Maurer & Lina Hoppe
4 – Martin von Allmen
© T+T Fotografie / Toni Suter
Unterstützung
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Trägerschaft
Trägerschaft
Stadt Biel
Stadt Solothurn (mit Unterstützung von Kanton und Gemeinden der Repla Solothurn)
Kanton Bern
Gemeindeverband Kulturförderung Biel/Bienne-Seeland-Berner Jura
Impressum
Impressum
Aufführungsrechte:
Rowohlt Theater Verlag, Hamburg
Herausgeber:
Theater Orchester Biel Solothurn TOBS!
www.tobs.ch
Saison 2025/26
Programm Nr. 6
Intendant: Dieter Kaegi
Schauspieldirektion: Olivier Keller | Patric Bachmann
Redaktion: Patric Bachmann
Layout: Aline Boder
Gestaltung: Republica AG
Fotos: T+T Fotografie, Toni Suter
Fotoauswahl: TOBS!
März 2026
Textnachweise:
Helmut Schödel: Händl Klaus gibt es wirklich. In: Händl Klaus: Stücke. Verlag Droschl, Graz – Wien 2006.
Händl Klaus: Porter Freizeit. / Sand.
Urheberrechte: Inhaber*innen von Urheberrechten, die vor Drucklegung nicht erreicht werden konnten, werden gebeten sich zu melden.
Fotografieren, Filmen sowie Tonaufnahmen sind während der Vorstellung aus urheberrechtlichen Gründen nicht gestattet.
Die Veranstaltungsplakate können an der Theaterkasse erworben werden.
Wir freuen uns über Ihre Rückmeldung zur Inszenierung: direktion[at]tobs.ch







