Wir leben in einer Zeit, in der vieles auseinanderdriftet. Diskussionen werden schnell hart und unversöhnlich. Oft scheint es nur noch darum zu gehen, wer gegen wen steht. Mit «Codeword: Spider» entsteht ein Gegenentwurf. Das multidisziplinäre Projekt bringt Menschen zusammen, die sich im Alltag vermutlich nie begegnen würden: Junge und Alte, Laien und Profis, Menschen mit und ohne Behinderung. Gemeinsam entwickeln sie eine Musiktheaterproduktion, die nur durch diese Vielfalt entstehen kann.
| 2026/27 Jung
Codeword: Spider
In Kooperation mit der Hochschule der Künste Bern gestaltet das Junge Theater Biel den Rahmen für diese «Community Opera». Über mehrere Monate hinweg wird in der Manufacture TOBS!, der ehemaligen Zwinglikirche in Bözingen, geprobt. Dort entsteht ein kreativer Begegnungsraum, in dem Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen zusammenarbeiten. Man hört einander zu, diskutiert, probiert aus und findet Wege, die eigene Stimme einzubringen, ohne die der anderen zu übertönen.
Was das in der Praxis bedeutet, zeigen die Menschen, die «Community Opera» gemeinsam gestalten.
Ruth Bangerter: Zurück zur Musik
Ruth Bangerter, 67, Landwirtin aus Wengi, macht bereits zum zweiten Mal bei einem Projekt des Jungen Theaters Biel mit. Musik hat sie als junge Frau aufgegeben – wie vieles, wofür im Alltag auf dem Land irgendwann kein Platz mehr war. Erst nach dem Tod ihres Mannes nahm sie mit über 50 Jahren wieder ein Instrument in die Hand.
Heute spielt sie in verschiedenen Formationen Alphorn, Es-Horn, Flügelhorn und Euphonium. Mit Elektrovelo und Anhänger fährt sie fast täglich von Wengi zu Proben und Auftritten in Biel oder Bern. Dabei bringt sie nicht nur ihre Instrumente mit, sondern auch ihre Lebensgeschichte. Und die ist spürbar.

Moritz Grundmann: Mitgestalten statt zuschauen
Moritz Grundmann, 37, steht mit «Codeword: Spider» zum ersten Mal ausserhalb der Schule in einem Theaterprojekt auf der Bühne. Als Kind und Jugendlicher spielte, sang und musizierte er gerne, brach jedoch vieles wieder ab. Erst spät wurde bei ihm ADHS diagnostiziert. Lange hiess es stattdessen, er sei unzuverlässig oder faul.
Über persönliche Kontakte fand er zum Projekt und gleichzeitig zur Stiftung Dammweg, wo er heute – wie einige andere Ensemblemitglieder – lebt und arbeitet. Sein Mitwirken zeigt, was kulturelle Teilhabe bedeuten kann: nicht Betreuung, sondern Mitgestaltung; nicht Sonderrolle, sondern selbstverständliche Präsenz.
Klara Celik: Eine junge Stimme
Klara Celik, 14, besucht das Oberstufenzentrum Mett-Bözingen und hat bereits in früheren Produktionen des Jungen Theaters Biel mitgespielt. Diesmal steht sie nicht nur als Darstellerin auf der Bühne, sondern auch als Autorin.
Ausgehend von Gotthelfs «Schwarzer Spinne» hat sie einen eigenen Text verfasst, den sie selbst vortragen wird. Darin verbindet sie die alte Erzählung mit heutigen Ängsten – etwa vor Technologien, die manipulieren, täuschen und gesellschaftliches Vertrauen untergraben. Ihre Stimme verweist auf ein zentrales Anliegen des Projekts: Junge Menschen sollen nicht einfach eingebunden werden, sondern mit ihren Gedanken und Perspektiven ernst genommen werden.

Rahel Kohler: Neues Terrain
Rahel Kohler, 38, Saxophonistin und Musikpädagogin aus Bern, gehört zu den professionellen Musikerinnen im Ensemble. Seit vielen Jahren unterrichtet sie, spielt Konzerte und bewegt sich routiniert zwischen Musikschule und freier Szene.
Dennoch betritt auch sie mit diesem Projekt Neuland. In «Codeword: Spider»steht sie nicht nur als Musikerin, sondern auch als singende und spielende Darstellerin auf der Bühne. Gerade darin liegt ein besonderer Reiz der Produktion: Niemand bleibt ausschliesslich in seiner gewohnten Rolle. Alle wagen sich ein Stück weit auf unbekanntes Terrain.

Forschung trifft Praxis
«Codeword: Spider» macht Forschung zum aktuellen Musiktheater sinnlich erfahrbar und wird vom Schweizerischen Nationalfonds im Rahmen des Förderprogramms Agora unterstützt. Geleitet wird die Produktion von einem erfahrenen Musiktheaterteam: Der Komponist und Hochschuldozent Leo Dick von der HKB schreibt Musik und Texte, Isabelle Freymond vom Jungen Theater Biel führt Regie, und der Schlagzeuger Pascal Viglino verantwortet die musikalische Einstudierung.
Ausgangspunkt des Projekts ist Jeremias Gotthelfs berühmte Novelle «Die schwarze Spinne». Die Geschichte dient dabei weniger als Vorlage denn als Anlass, über aktuelle Fragen nachzudenken: Wie leben wir zusammen? Wovor haben wir Angst? Was trennt uns – und was verbindet uns?
Genau diesen Fragen geht das Ensemble in den kommenden Monaten gemeinsam nach.
«Man hört einander zu, diskutiert, probiert aus und findet Wege, die eigene Stimme einzubringen, ohne die der anderen zu übertönen. »
Leo Dick
Komposition, künstlerische Supervision, Projektleitung


