Interviews
«Christians Vertonung ist äusserst nuanciert»
Interview mit Dirigentin Josephine Korda
«Trennt euch!» ist Ihre erste Begegnung mit der Musik von Christian Henking. Was hat Sie dabei beeindruckt?
Die Musik gefällt mir sehr gut. Schon als ich die Partitur aufschlug, sah ich, dass sie wirklich gut strukturiert und ausgearbeitet und sehr zugänglich ist und dennoch erweiterte Techniken einsetzt, um die Musik zu bereichern und Klänge aus dem modernen Leben einzubeziehen. Christian setzt in der gesamten Oper melodische Leitmotive ein und greift sogar Wagners «Tristan»-Motiv auf. Wir haben uns schon vor Probenbeginn intensiv ausgetauscht. An manchen Stellen ist die Musik auch ganz theaterpraktisch, zum Beispiel mit Hinweisen, dass man eine bestimmte Stelle so oft wiederholen kann, bis ein Umbau auf der Bühne vollzogen ist. Christian hat an alles im Voraus gedacht.
Wie intensiv ist der Komponist bei der Probenarbeit dabei?
Er war schon ganz am Anfang, bei den ersten musikalischen Proben, mehrmals dabei und im Verlauf der Proben immer wieder. Zwischen ihm, mir und der Regisseurin Deborah Epstein ist es von Anfang an eine echte Zusammenarbeit. Es kommt zum Beispiel vor, dass ich musikalische Fragen an Christian aufwerfe, die aber auch durch Deborahs Vision untermauert werden müssen. Manchmal unterscheiden sich Christians und Deborahs Gedanken voneinander: Dann ist es spannend, gemeinsam eine Lösung zu finden und so in das gesamte Werk einzuarbeiten, dass sie nicht nur in einem einzelnen Abschnitt funktioniert.
Den Orchesterklang «kennt» man ja bei Probenbeginn noch nicht: Wie gestaltet sich dann die szenische Arbeit mit dem Ensemble?
Viele Entscheidungen für die Sänger wurden bereits unter Berücksichtigung des Orchester-klangs getroffen. Es gibt zum Beispiel eine Stelle, an der der Geliebte eine Textnachricht schreibt und dabei seine Konsonanten deutlich einzeln ausspricht. Anstatt also zu singen «Ich vermisse dich» singt er: «I – ch ver – m – i – ss – e di – ch.» Christian hat dort im Orchester für jeden Konsonanten «col legno tratto» in den Streichern vorgesehen: Die Saite wird dann nicht mit den Bogenhaaren gestrichen, sondern mit der Holzstange des Bogens. Das erzeugt ein Geräusch wie einen Flüsterton, bei dem die eigentliche Tonhöhe des Instruments nur noch schwach zu hören ist. Die Entscheidung, wie der Sänger des Geliebten diese Konsonanten singen soll, hängt also eng zusammen mit dem, was das Orchester spielt.
Wie ist die Arbeit mit dem Orchester?
Es ist eine Freude, mit diesen versierten Musiker*innen zusammenzuarbeiten, und ich geniesse es sehr, Henkings Partitur gemeinsam mit ihnen auszuarbeiten und zusammenzusetzen. Alle hatten bereits ein Gespür für diesen Musikstil, und während unserer Orchesterproben konnten wir das Werk praktisch zusammenfügen und das Zusammenspiel und die Klangwelt verfeinern. Christian war auch anwesend und war immer bereit, alle Fragen zu Technik und Stil zu beantworten.
Die Theaterräume in Biel und Solothurn zeichnen sich ja durch eine besonders eindringliche Atmosphäre aus, und ich werde mich bemühen, das Publikum in den Mittelpunkt von Christians lebendiger Klangwelt zu versetzen. Da die Theater sehr klein sind, können wir intensiv mit dem Ensemble und dem Orchester an den feinen Farb- und Nuancenverschiebungen arbeiten. Christians Vertonung ist nämlich äusserst nuanciert, und wir müssen die subtilen Veränderungen durch Dynamik und Tonfarbe herausarbeiten. All das kann in diesen kleinen Theatern besonders gut zur Geltung kommen.
Was sind die Herausforderungen bei der Vorbereitung einer neuen Oper, die noch niemand gehört hat?
Wir tragen nicht die Last einer Tradition auf unseren Schultern, und für mich als junge Dirigentin bedeutet das eine einmalige Gelegenheit, den Klang ganz nach eigenem Ermessen zu gestalten. Deshalb macht es so viel Spass, so eng mit dem gesamten Team zusammenzuarbeiten. Für die Sängerinnen und Sänger gibt es aber definitiv auch Schwierigkeiten, denn sie müssen sich ihre Rollen selbst erschaffen, können nicht darauf aufbauen, wie jemand anders die Rolle technisch umgesetzt hat. Ich muss mir also überlegen, wie ich ihnen am besten helfen kann, eine Phrase oder einen Effekt zu singen. Zum Beispiel beim Texting: Das ist ja keine Technik, die man bei Mozart findet, wir müssen uns also neu überlegen, wie man das umsetzt. Aber in jeder Oper, sei es Mozart oder Verdi, hat man immer eine neue Gruppe von Sängerinnen und Sängern vor sich, und jede dieser Personen hat eine andere Art zu singen. In diesem Punkt ist meine Arbeit also doch dieselbe wie sonst.

Josephine Korda
Musikalische Leitung
Die britische Dirigentin Josephine Korda war von 2024 bis 2026 Conductor in Residence an der Opéra de Paris und gewann 2025 den Grand Prix des Neeme-Järvi-Preises an der Gstaad Festival Conducting Academy. In der Saison 2026/27 gibt sie eine Reihe von Dirigier-Debüts mit wichtigen Orchestern wie dem Orchestre National Bordeaux Aquitaine, den Münchner Symphonikern, der Philharmonie Südwestfalen und dem Göttinger Symphonieorchester…
Aus dem Konzeptionsgespräch
Regisseurin Deborah Epstein über «Trennt euch!»
Gibt es eine Wahrheit, die uns alle überzeugt in Thomas Meyers Ratgeber für Paare, die zwar liebeswillig sind, aber sich vielleicht besser trennen sollten?
Ich konnte mit dem aufmüpfigen kleinen Buch von Thomas Meyer schon etwas anfangen. Wie erfrischend gegenüber den Lastwagenladungen an esoterisch angehauchten Ratgebern für unglückselige Paare, die den Büchermarkt überschwemmen! Endlich mal einer, der das Kind beim Namen nennt: Trennt euch!
Aber wie macht man aus diesem Buch ein Libretto? Ein Ratgeber ist es ja auch nicht geworden, sondern eine ganz einfache Geschichte. Diese Naivität im Libretto, gepaart mit einer immer wieder komplizierten Musik, gefällt mir.
Allerdings bringt uns dieses Libretto in der Handlung nicht viel weiter. Welche Form findet man, für welchen Spielstil entscheidet man sich? Es gilt, Überraschungen zu stiften und zuzulassen, dass zu jedem Zeitpunkt alles möglich ist, von der grossen Geste und Emphase bis zum puren Nichts. Wechsel zuzulassen zwischen einem Moment von Realismus oder Naturalismus zu einer sehr überhöhten Spielweise, jederzeit.
In jeder Arbeit geht es um Lebendigkeit. Wir haben viel über diese fast rigide Art der Figuren geredet. Sie machen nicht viel, sprechen nicht viel, vor allem nicht miteinander; trotzdem sind sie in Aufruhr. Und das fällt mir bei jeder der Figuren auf: Keine zeigt, wie es innen drin aussieht. Sie haben nicht wirklich etwas zu sagen, weil sie sich nicht trauen oder nicht die Wahrheit sagen. Aber das ist schon viel: Wenn man nicht die Wahrheit sagt, dann ist innen die Hölle los.
Wir schauen den Menschen zu, wir schauen uns selber zu, wie wir uns immer wieder unglaublich lächerlich aufführen: uns aus der Düsternis und der Tristesse kaum retten können. Und dennoch geht das Leben beharrlich weiter.
Alle Figuren in diesem Stück schreien eigentlich ständig «Hilf mir!». Es gibt niemanden, der eine Antwort hat. Das hat eine grosse Tragik inne und ist zugleich unglaublich komisch. Wir alle kennen solche Situationen zur Genüge.
Wenn wir verliebt sind, unglücklich verliebt sind, einander betrügen, uns trennen, sind wir immer nur mit uns selbst beschäftigt. Wie gerne wollen wir uns um andere kümmern; schlussendlich kümmern wir uns aber nur um uns selbst.
In dieser Oper tobt das, was nicht gesagt wird. Christian Henkings Komposition hat dies sehr farbenreich herauskristallisiert.

Deborah Epstein
Inszenierung
Deborah Epstein absolvierte eine Ballettausbildung in Zürich und Cannes, bevor sie sich ebenfalls in Zürich zur Schauspielerin ausbilden liess. Ihre Engagements führten sie an die Städtischen Bühnen Dortmund, ans Schauspielhaus und ans Theater am Neumarkt Zürich; sie war am Residenztheater in München und am Theater Basel engagiert. Seit 1996 arbeitet sie als freie Regisseurin u. a. an den Staatstheatern Stuttgart, Saarbrücken und Mainz, am Maxim Gorki Theater Berlin, am Schauspiel Leipzig, an den Städtischen Bühnen Freiburg, am Schauspielhaus Graz und am Luzerner Theater.…