Inhalt
«Not to want to say, not to know what you want to say, not to be able to say what you think you want to say, and never to stop saying, or hardly ever, that is the thing to keep in mind.» Samuel Beckett
Eine Theaterlegende besagt, dass Samuel Beckett für sein bekanntestes Stück «Warten auf Godot» zwei Komiker als Idealbesetzung vor Augen hatte: Stan Laurel und Oliver Hardy, besser bekannt als Dick und Doof. Laurel und Hardy drehten zusammen über 100 Filme. Laurel schrieb die Sketche, Hardy spielte sie. 1957 starb Oliver Hardy. Damit endete auch das Berufsleben von Stan Laurel. Er drehte nie mehr einen Film. Trotzdem schrieb er weiterhin Drehbücher, als würde er darauf warten, dass sein Brother in Crime, sein Brother in Comedy, doch noch zurückkehren könnte.
Berührt von dieser Geschichte spüren Max Merker und Aaron Hitz, bekannt für ihr physisches und humorvolles Spiel, der Tragik der Einsamkeit nach – und der Möglichkeit ihrer Überwindung durch das Komische. Komik ist, genau wie das Leben, eine Angelegenheit, die nicht allein erledigt werden kann: Wie soll man sich selbst eine Sahnetorte ins Gesicht werfen? Inspiriert von Laurel, Hardy und Beckett, erwecken Merker und Hitz die Tradition der existenziellen Clownerie mit ihren eigenen Mitteln zu neuem Leben.
Besetzung
Besetzung
Stückentwicklung Max Merker | Aaron Hitz | Martin Bieri
Inszenierung Max Merker
Musik Aaron Hitz
Bühnenbild und Kostüme Martin Dolnik
Lichtgestaltung Levin Heid
Dramaturgie Martin Bieri
Regieassistenz und Inspizienz Nora Bichsel
Regiehospitanz Anna Konvicka
Musikalischer Support Jonas Zürcher
Vermittlung Janna Mohr
Übertitel SUBTEXT, Dòra Kapusta
Übertitelinspizienz Valentina Baettig
Mit Aaron Hitz, Max Merker
Technik
Technik
Technischer Direktor Günter Gruber
Leitung Ausstattung und Werkstätten Vazul Matusz
Schreinerei Simon Kleinwechter | Steven McIntosh | Raphael Schärer
Malsaal Daniel Eymann (Leitung) | Julian Scherrer
Dekorationsabteilung Ursula Gutzwiller
Requisiten Line Wickart
Maske Schauspiel Barbara Grundmann-Roth (Leitung) | Mandy Gsponer
Leitung Schneiderei Gabriele Gröbel
Schneiderei Catherine Blumer | Natalie Zürcher (Gewandmeisterinnen Damen) | Janine Bürdel | Sarah Stock (Gewandmeisterinnen Herren) | Christine Wassmer (Admin. Stellvertreterin) | Katrin Humbert | Dominique Zwygart
Ankleiderin Martina Inniger | Anja Wille
Technischer Leiter Adrian Kocher
Bühnenmeister Biel Samuele D'Amico
Bühnenmeister Solothurn Rémy Zenger
Technische Einrichtung Peter Wiesmeier
Ton Alex Wittwer
und das Technik-Team TOBS!
Die Ausstattung wurde in den eigenen Werkstätten hergestellt.
Aaron Hitz & Max Merker
© Joel Schweizer
Über das Stück, ein Gespräch mit Max Merker und Aaron Hitz
Max und Aaron, ihr sucht nach den Ähnlichkeiten von Vladimir und Estragon, den Hauptfiguren aus «Warten auf Godot», mit Stan Laurel und Oliver Hardy. Was habt ihr gefunden?
Aaron: Es gibt offensichtliche Äusserlichkeiten: Die Melonenhüte, die abgewetzten Anzüge, das klassische Outfit des Tramps, des modernen Landstreichers. Darüber hinaus lassen sich aber bei Beckett Clowns-Nummern finden, die auch in den Filmen von Stan und Ollie vorkommen. Und auch die Dialoge gleichen sich manchmal sehr.
Max: Clowns stehen oft fast verloren auf der Bühne, ohne vorgegebene Situation, ohne Handlung. Sie sind mitten in eine Situation geworfen, die sie nicht verstehen. Genauso geht es Vladimir und Estragon in «Warten auf Godot». Stan und Ollie wiederum scheinen in ihren Geschichten auch immer nur sich selbst zu kennen und niemanden sonst.
Ihr entwickelt das Stück und spielt es gleichzeitig. Beckett hat «Warten auf Godot» auch selbst inszeniert. Wie hat er das gemacht?
Aaron: Er hat seinen Schauspielern gesagt: «For God‘s sake don’t act!» Auf Deutsch: «Um Himmels willen, spielt nicht!» Nur in der Nüchternheit vermittelt sich seine Komik. Das haben wir auf den Proben immer wieder gemerkt.
Max: Becketts Sprache ist stark auf Muster aufgebaut: Reduktion, Wiederholungen, Präzision. Rhythmus war ihm sehr wichtig. Indem er Handlung, Ort und Zeit auf ein Minimum verringerte, öffnete er ganz neue Möglichkeiten für die Sprache. Die Psychologie der Figuren tritt hingegen in den Hintergrund. Auch Clowns zeigen selten eine ausdifferenzierte Psychologie. Ihr Reich ist die Situation. Daran haben wir uns orientiert.
Obwohl Beckett mit den Mitteln der Komödie arbeitet, hat er auf eine ihrer Zutaten verzichtet: die fliegende Torte. Stan und Ollie hingegen sind verantwortlich für eine der grössten Tortenschlachten der Filmgeschichte. Weder Vladimir noch Estragon bekom-men eine Torte ins Gesicht geworfen – Stan und Ollie hunderte. Und ihr?
Max: Wir haben nach Wegen gesucht, den Humor mit unseren Mitteln zu erreichen, ohne das Tortenwerfen einfach nachzumachen. Wir haben gemerkt, dass es auch lustig ist, wenn die Torte nicht fliegt, sondern einfach zwei Leute herumstehen, Sahnetorten in der Hand halten und den Moment verpassen, diese dem anderen ins Gesicht zu klatschen.
Aaron: Komik braucht exaktes Timing. Zu früh ist manchmal zu spät und zu spät zu früh. Beckett hat sogar mit einem Metronom geprobt.
Max: Auch bei Stan und Ollie stimmte das Timing nicht immer. Ollie starb vor Stan. Das Duo wurde auseinandergerissen. Das hinderte Stan nicht daran, weiterhin Sketches für Stan und Ollie zu schreiben. Auch wenn sie nie mehr gespielt werden konnten. Manche Dinge im Leben kann man eben nicht allein erledigen.
Aaron: Ein Witz zum Beispiel braucht einen Zuhörer. Übrigens, kennst du den: Ein Ire, ein Engländer und ein Amerikaner gehen ins Kino …
Max: Ja, den kenn ich.
Ist «Warten auf Beckett» denn nun Komödie oder Tragödie?
Max: Die Komik im Tragischen und die Tragik im Komischen ergänzen einander wunderbar. Die Komik in Becketts Stücken ist nicht auf den ersten Blick erkennbar. Wir sehen eher ein apokalyptisches Bild. Die Menschen warten auf das Ende. Aber das, was sie bis zum Ende machen, ist unfreiwillig komisch.
Aaron: Beckett fand «Warten auf Godot» übrigens sehr lustig. Im Probetagebuch seines Regieassistenten steht, dass er sich während den Durchläufen gekrümmt hat vor Lachen.
«Becketts Komik vermittelt sich in der Nüchternheit. Das haben wir auf den Proben immer wieder gemerkt.»
Aaron Hitz

Mitten ins Gesicht – eine kurze Geschichte des Tortenwerfens in der Komödie
von Ryan MacLachlan
Der Jemandem eine Torte ins Gesicht zu werfen, ist ein Klassiker der Komödie, ähnlich wie das Ausrutschen auf einer Bananenschale. Es gibt in der Geschichte Hollywoods unzählige Tortenschlachten. Doch woher kommt der Gag eigentlich? Seine Ursprünge liegen wahrscheinlich auf der Bühne des Vaudeville-Theaters. 1909 tauchte er erstmals auf der Leinwand auf. Der Stummfilm «Mr. Flip» zeigte einen Mann, gespielt von Ben Turpin, der Frauen belästigt, bis er schliesslich gestoppt wird, indem ihm eine Torte ins Gesicht gedrückt wird. Wie die Szene genau ausgesehen hat, ist allerdings strittig, weil heute keine Kopie des Films mehr bekannt ist.
1912 gründete der Filmproduzent Mack Sennett die Keystone Studios. Sennett gilt als «Vater der Slapstick-Komödie» in Hollywood. Schon ein Jahr später warfen Roscoe ‚Fatty‘ Arbuckle und Mabel Normand in einem Keystone-Film die ersten Torten. Der Gag wurde schnell zum Markenzeichen des Studios. Tatsächlich wurden so viele Torten benötigt, dass es eine eigene Bäckerei unterhielt.
Gleich gegenüber dem Studio fand sich die Lösung für das Problem des ständig steigenden Tortenbedarfs. Sarah Brener betrieb dort einen Laden, der das Studio mit Torten versorgte. Keystone bestellte so viele Desserts, dass das Studio schliesslich zu ihrem Hauptkunden wurde. Die Torten aus Breners Geschäft waren angeblich köstlich. Charlie Chaplin hielt sie für die besten der Stadt. Womöglich war es damals gar nicht so schlimm, eine Torte ins Gesicht zu bekommen.
Für die Filme wurden vorzugsweise Sahnetorten verwendet, vor allem wegen ihrer passenden Klebrigkeit. Auch die Füllung wurde je nach Kleidung des Opfers ausgewählt: Bei dunklen Kleidern kam oft Schlagsahne zum Einsatz, bei hellen Outfits Schokolade oder eine andere dunkle Füllung. Alles, um das Chaos auf dem Bildschirm besser zur Geltung zu bringen.
«Wenn es schon lustig ist, eine Person mit einer Torte zu treffen, dann muss es noch viel lustiger sein, viele Menschen mit vielen Torten zu bewerfen.» So dachten die Autoren und Regisseure in Hollywood, womit die Tortenszenen zu regelrechten Tortenschlachten wurden. Die erste solche Schlacht war 1916 in Charlie Chaplins Film «Behind the Screen» zu sehen.
1927 zeigte der Film «The Battle of the Century» mit Laurel und Hardy die bis dahin grösste Tortenschlacht. Vor den Dreharbeiten sagte Stan Laurel: «Wenn wir einen Tortenspielfilm drehen, dann lasst uns einen Tortenspielfilm drehen, der alle Tortenspielfilme in den Schatten stellt. Lasst uns so viele Torten verwenden, dass in der gesamten Filmgeschichte nie wieder Platz für Tortenspielfilme sein wird.» Stan und Ollie hielten Wort. Vor der Szene kaufte das Studio massenweise Sahne-, Bananen-, Blaubeer-, Kirsch-, Kokos-, Himbeer- und Zitronencremetorten bei der Los Angeles Pie Company. Insgesamt sollen es 4'000 Torten gewesen sein.
Doch war «The Battle of the Century» wirklich die Tortenschlacht aller Tortenschlachten? Nicht ganz. 1965 liessen es sich die Produzenten der Abenteuerkomödie «The Great Race» nicht nehmen, die wirklich grösste Tortenschlacht aller Zeiten zu inszenieren. Das Gebäck allein kostete 18'000, die ganze Szene 200'000 Dollar. Es dauerte fünf Tage, sie zu drehen. Trotzdem blieben 300 Torten übrig, die nach Drehschluss von der Crew aufgegessen werden mussten.
Im Lauf der Jahre wurde der Gag so oft verwendet, dass der Tortenwurf mehr und mehr als klischeeartiges Stilmittel eines juvenilen Brachialhumors wahrgenommen wurde. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ziehen Filmemacher*innen Tortenwürfe daher praktisch nur noch als Hommage, als Bezug zur Filmgeschichte oder als ein ironisches Bekenntnis zur eigenen künstlerischen Anspruchslosigkeit heran. Das beste Beispiel: Monty Python.
«Die Torten waren angeblich köstlich. Vielleicht war es gar nicht so schlimm, eine ins Gesicht zu bekommen.»

Aaron Hitz & Max Merker
© Joel Schweizer
Fast 100 Jahre existenzielle Clownerie: Die Leben von Stan Laurel, Oliver Hardy und Samuel Beckett
1890er und 1900er
1890er und 1900er
Stan Laurel kommt 1890 in Ulverston, England als Arthur Stanley Jefferson zur Welt. 1892 wird Norvell Hardy, der spätere Oliver Hardy, in Harlem, Georgia, USA geboren. Beide wachsen in kulturell geprägten Milieus auf. Stan ist der Sohn eines Theaterimpresarios, Ollie nimmt früh Gesangsunterricht.
1906 kommt Samuel Beckett in Foxrock bei Dublin zur Welt. Seine Schulzeit wird dominiert von seinem Interesse für Sprache und Sport.
1910er
1910er
Stan zieht 1910 mit einer britischen Theatertruppe in die USA. Er ist die Ersatzbesetzung für Charlie Chaplin. Stan bleibt in den USA, kann sich aber als Solist nicht durchsetzen. Er arbeitet als Komiker und Regieassistent. Ollie übernimmt die Leitung eines kleinen Kinos und beginnt als Filmschauspieler zu arbeiten. Er dreht zahlreiche Kurzfilme für Stummfilmstudios, meist in der Rolle des Bösewichts.
1920er
1920er
Stan arbeitet als Autor und Regisseur in den Studios des Produzenten Hal Roach. Ollie ist im gleichen Studio als Nebendarsteller engagiert. 1926 treffen sich die beiden. Ihre Zusammenarbeit beginnt 1927 mit dem Film «Duck Soup». Ab da erscheinen in schneller Abfolge Laurel-und-Hardy-Filme. Das Duo kommt beim Publikum sehr gut an. Stan ist hauptsächlich verantwortlich für Text und Regie.
Beckett studiert am Trinity College in Dublin Französisch und Italienisch. 1928 zieht er nach Paris, wo er Anschluss an das literarische Milieu findet und James Joyce kennenlernt. Er ist ein begeisterter Kinogänger und sieht auch Filme von Stan und Ollie.
1930er
1930er
Im Gegensatz zu manchen ihrer Kolleg*innen schaffen Stan und Ollie den Sprung in den Tonfilm. Viele ihrer populärsten Werke entstehen, darunter «Sons of the Desert» und «Way Out West». Für «The Music Box», in dem ein Klavier die Hauptrolle spielt, erhalten sie einen Oscar: Weltweite Popularität, internationale Tourneen und zahlreiche Kurzfilmserien.
Beckett reist nach Deutschland, wo er viele Museen besucht, bevor sie von den Nationalsozialisten ausgeräumt werden. In Hamburg sieht er das Gemälde «Zwei Männer in Betrachtung des Mondes» von Caspar David Friedrich, das ihn zu «Warten auf Godot» inspiriert haben soll. Zurück in Paris publiziert er Erzählungen und 1938 seinen ersten Roman «Murphy». Beckett überlebt einen Überfall eines Unbekannten trotz schweren Messerverletzungen.
1940er
1940er
Der Erfolg von Stan und Ollie lässt nach, die Arbeitsweise der grossen Studios verändert sich. Kurzfilme kommen aus der Mode, neu werden Langfilme mit dünnen Plots gedreht. Improvisationen vor der Kamera, früher üblich, sind fast nicht mehr möglich. Es entstehen nur noch acht Filme des Duos. Während des Krieges treten die beiden in Wohltätigkeitsprogrammen auf.
Beckett bleibt während der deutschen Besetzung weiterhin in Frankreich und ist in der Résistance aktiv. 1945 kehrt er nach Paris zurück und schreibt die Trilogie «Molloy», «Malone meurt» und «L’Innommable». Sein Stil wird immer minimalistischer.
1950er
1950er
«Atoll K», der letzte Film von Stan und Ollie, wird 1951 in Frankreich unter widrigen Umständen gedreht. Die beiden sind gesundheitlich angeschlagen. Mehrfache Hochzeiten und Scheidungen belasten sie auch finanziell schwer.
1953 kommt «Warten auf Godot» in Paris erstmals auf die Bühne. Das auf Französisch geschriebene Stück wird vom Publikum erst irritiert aufgenommen, setzt sich aber doch rasch durch. Es markiert den Anfang des Absurden Theaters und verhilft dem Autor zu Weltruhm.
1954 gehen Stan und Ollie auf eine grosse Europatournee. Vielleicht hören sie von Beckett. Ob sie «Warten auf Godot» sehen, ist nicht bekannt. Die beiden werden vom Publikum gefeiert, doch besonders Ollie geht es gesundheitlich immer schlechter. Nach wiederholten Schlaganfällen stirbt Oliver Hardy 1957 in Los Angeles.
1960er
1960er
Stan lebt zurückgezogen in Santa Monica. Er schreibt weiterhin Szenen für Filme mit Ollie. Sein Kontakt steht im öffentlichen Telefonbuch. Stan Laurel stirbt 1965 im Alter von 74 Jahren. Bei der Beerdigung soll Buster Keaton über Stan gesagt haben: «Chaplin war nicht der Lustigste, ich war nicht der Lustigste, dieser Mann war der Lustigste.»
Nach sprachlich und dramaturgisch noch radikaleren Stücken wie «Endspiel» und «Glückliche Tage» erhält Beckett 1969 den Nobelpreis für Literatur, den er nicht persönlich entgegennimmt. Stattdessen reist er nach Tunesien und gibt dem schwedischen Fernsehen dort ein Interview ohne Worte. Er arbeitet nun auch als Regisseur für Theater, Radio und Fernsehen.
1970er und 1980er
1970er und 1980er
Beckett veröffentlicht weitere Prosa und Theatertexte. 1975 inszeniert er «Warten auf Godot» in Berlin. Im Alter zieht er sich aus der Öffentlichkeit zurück und stirbt 1989. Er ist auf dem Friedhof Montparnasse begraben. Angeblich soll er gesagt haben, es sei ihm gleichgültig, welche Farbe sein Grabstein habe, «solange er grau ist.»
Als Beckett Beckett inszenierte: Aus dem Probentagebuch zu «Warten auf Godot» in Berlin 1975
von Walter D. Asmus
In einem dicken Heft mit festem rotem Einband ist auf kariertem Papier ein Buch über ein Buch entstanden: Ein Metabuch. Mit schwarzer Tinte sind in gestochener Schrift, die mal regelmässiger, mal krakeliger wirkt, auf insgesamt 105 Seiten in englischer Sprache detaillierte Angaben zum gesamten Stück gemacht. Die Seiten 2-53 enthalten das szenische Arrangement des Stücks. Auf der rechten Seite ist das Arrangement schriftlich fixiert, während die linke Seite Skizzen enthält oder für Korrekturen und nachträgliche Eintragungen freigelassen ist. Unter thematischen Stichworten sind jeweils alle entsprechenden Textstellen und Situationen im Stück benannt. Beide Abteilungen sind durch Querverweise verbunden.
Beckett hat dieses Regiebuch angefertigt, bevor er nach Berlin kam. Es muss als die Absicht verstanden werden, dem Stück eine szenische Kontur zu geben. Es ist der Versuch, einem Stück, das als «unordentlich» oder «nicht visualisiert» empfunden wird, eine Struktur zu geben. Dies überrascht: Wenn man den Text liest, erscheint er doch als non plus ultra von Exaktheit und Form.
Als Beckett am Schreibtisch den Versuch machte, sein Stück szenisch zu visualisieren, hat er freilich gewusst, weshalb er im Regiebuch jeweils die linke Seite frei liess. Die szenische Praxis hat während der Proben den visionären Willen überholt, zu Korrekturen geführt. Im szenischen Arrangement und in der dialogischen Gestaltung ergibt sich ein Gebilde von Wiederholungen, Variationen, Ähnlichkeiten, Parallelität, von Echos und Verweisungen, das als konkrete Struktur und Form in der Inszenierung greifbar ist: Ein Formwille, der Beliebigkeiten nicht zulässt.
Stückende: Estragons Hose rutscht wie vorgeschrieben runter. Lautes Gelächter im Parkett, Beckett mit dabei.
«Becketts Text erscheint als non plus ultra von Exaktheit und Form.»

Warten auf Beckett - Trailer
Die Ausschreitungen der Fantasie
von Hanns Dieter Hüsch
Der deutsche Kabarettist, Schriftsteller und Liedermacher Hanns Dieter Hüsch war die deutsche Stimme von Stan Laurel und Oliver Hardy. Von beiden. Er hat ihre Filme synchronisiert. Und einen schönen Aufsatz über sie geschrieben.
Ich habe ihnen jahrelang gegenübergestanden. Ich stand in einem Studio der Beta-Film hinter einem Stehpult und sah auf eine Leinwand, um zur rechten Zeit für jede Filmschleife die entsprechenden Takes zu sprechen, und oft waren es mehrere Personen, die ich dialogisch verbinden musste. Dann kam noch der Erzähler dazu. Dann noch ein Hund. Dann noch Husten, Prusten und Niesen, und natürlich sie. Mein Synchronregisseur Heinz Caloué sagte mir immer «den Ollie nimm fester und dunkler und den Stan leichter und heller». Und wir erfanden für Stan ein fast philosophisches Kichern und für Ollie ein hartes Räuspern. Das war alles nicht so schwierig. Auch dass ich allein im Studio stand und von 9 bis 17 Uhr oft 180 bis 200 Takes mit Sprache versah, hysterischen Damen, verquasten Professoren, dampfenden Bäckern, kreischenden Polizisten und exaltierten Neureichen meine kleine Stimme lieh. Nein, ich musste immer lachen, und das ging ja nicht, ich musste auch immer traurig sein. Das ging auch nicht, und so wurde ich ständig hin und her gerissen von diesen komischen Tragikern, diesen beiden verlorenen zweisamen Einzelgängern.
Ich möchte auch so sein, und zwar nicht so sehr wegen der Sahnetorten-Schlachten, sondern mehr wegen des geradezu exakt vorgeführten Unvermögens, unsere Welt zu akzeptieren, sich einzurichten und dann erwachsen zu werden. Genau das wollen diese beiden nicht und verschreiben sich einer infantilen Anarchie, um zuletzt nur mit den Schultern zu zucken oder mit leeren Händen um Verzeihung zu bitten. In unseren Landen nennt man sie ja «Dick und Doof». Ein typisch deutscher Schnell-Titel. «Stan und Ollie» wäre besser gewesen, denn doof sind die beiden keinesfalls. Sie sind nur von einer ganz anderen Intelligenz, nämlich einer chaotischen. Unvermögen leitet zu Trotz über, und der Trotz zur Unlogik, und so beginnt langsam die Eskalation, die zu den Ausschreitungen der Fantasie und des Herzens führt, wo man dann jegliche Kontrolle verliert und die Groteske ausgiebig Kirmes feiert. Dahinter muss ein unabwendbarer Hang zum «reinen Unsinn machen» liegen.
Sie bitten sich gegenseitig zum Tanz, wobei Ollie zunächst immer der Sicherere, der Elegantere, der Geschultere ist, aber Stan durch unberechenbares Aus-der-Reihe-Tanzen das Duo eigentlich zusammenhält und für Aufregung sorgt, wobei es manchmal zu Zusammenstössen kommt, die Ollie dann zu bereinigen versucht, und daraus ergeben sich neue Bekanntschaften oder neue Verfolgungen. Rein oder raus, sich erheben oder sich ducken, vormachen und nachmachen und falsch machen, neu machen und alles noch schlimmer machen und verschwinden. Dafür gibt es keine Erklärung, keine direkte Philosophie, sondern es passiert. Und das ist gut so. Das ist Spiel. Und jede(r) von uns könnte es spielen – es traut sich nur keine(r). Stan und Ollie konnten es.
Sie können ihren Überlebensängsten nicht entrinnen, und so flüchten sie sich, wie auf Kommando, aber ganz langsam, schrecklich langsam, in die nächste Zerstörungsorgie, vernichten seelenruhig Häuser, Autos und Pianos, und wenn sie nach getaner Arbeit locker die Hände zusammenklatschen, um den Staub von den Fingern zu kriegen, weiss man, was die Glocke geschlagen hat: Entweder kommt jetzt der brutale Polizist um die Ecke oder ihr eigenes Auto wird nun vom Besitzer des zerstörten Hauses vernichtet. Hier wird mit Besitz und Symbolen umgegangen, als stünde man ausserhalb jeder Soziabilität, als wisse man gar nicht, was man tut. Das Spiel wird auf die äusserste Spitze getrieben.
Es ist eigentlich nicht das übliche Leben, das Stan und Ollie zeigen, beschreiben und leben, obwohl man es vielleicht manchmal gerne so haben möchte. Den berühmt-berüchtigten Alltag mit dem lachenden und dem weinenden Auge, nein, es ist ein Aufstand gegen das Leben, so wie wir es leben müssen, ein Aufbegehren alleine und zu zweit gegen die eingefrorenen und verbrauchten Betriebsanleitungen des Alltags. Mensch, werde praktisch, sei realistisch, lerne, dich zu arrangieren. Das alles können und lernen Stan und Ollie nie. Ich habe sie Jahre gesehen und ihnen meine Stimme leihen dürfen. Viel abgeguckt und auch fürs Leben, Lachen und Weinen eine Menge mitnehmen können. Marcel Marceau hat gesagt: «Alle Mimen der Welt schulden Laurel und Hardy unendlich viel.» Ich bin kein Mime, aber vielleicht ein Komiker, und sage danke an Stan und Ollie, wenn sie mit ihren Filmen durch unsere Wohnungen spazieren, aus Tragödien Komödien machen und umgekehrt, immer wieder von vorne anfangen, damit wir nicht aufhören zu lachen und zu leben.
«Ich möchte auch so sein. Wegen exakt vorgeführten Unvermögens, unsere Welt zu akzeptieren, sich einzurichten und erwachsen zu werden.»
Unterstützung
Wir danken unseren Sponsoren & Partnern für Ihre Unterstützung.

Elisabeth Bachtler Stiftung

Trägerschaft
Trägerschaft
Stadt Biel
Stadt Solothurn (mit Unterstützung von Kanton und Gemeinden der Repla Solothurn)
Kanton Bern
Gemeindeverband Kulturförderung Biel/Bienne-Seeland-Berner Jura
Impressum
Impressum
Aufführungsrechte:
Theaterverlag Marabu, Zürich
Herausgeber:
Theater Orchester Biel Solothurn TOBS!
www.tobs.ch
Saison 2025/26
Programm Nr. 4
Intendant: Dieter Kaegi
Schauspieldirektion: Olivier Keller | Patric Bachmann
Redaktion: Martin Bieri
Layout: Aline Boder
Übersetzung: Stefanie Günther Pizarro
Gestaltung: Republica AG
Fotos: Joel Schweizer
Fotoauswahl: TOBS!
November 2025
Textnachweise:
Nach: Ryan McLachlan: In Your Face: The History of Pie Throwing in Comedy.
www.thevintagenews.com/2023/03/30/pie-throwing-comedy/
Regietagebuch. Walter D. Asmus
Programmheft des Schillertheaters Berlin zur Inszenierung von Samuel Beckett seines eigenen Stücks «Warten auf Godot».
Staatliche Schauspielbühnen Berlin
Heft 47
Spielzeit 1974/75
www.hüsch.org/html/laurelhardy.html
Urheberrechte: Inhaber*innen von Urheberrechten, die vor Drucklegung nicht erreicht werden konnten, werden gebeten sich zu melden.
Fotografieren, Filmen sowie Tonaufnahmen sind während der Vorstellung aus urheberrechtlichen Gründen nicht gestattet.
Die Veranstaltungsplakate können an der Theaterkasse erworben werden.
Wir freuen uns über Ihre Rückmeldung zur Inszenierung: direktion[at]tobs.ch









